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Gesundheits- und Pflegeberufe

Betriebliche Gesundheitsförderung

Das neue Präventionsgesetz nimmt die Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) in die Pflicht, die Wirtschaftsunternehmen bei der Umsetzung von Betrieblicher Gesundheitsförderung (BGF) zu unterstützen. Allein in 2016 sollen hierfür von ihnen pro Versichertem sieben EUR aufgewendet werden – bei der Gesamtzahl der gesetzlich krankenversicherten Erwerbspersonen ein dreistelliger Millionenbetrag! Betriebliche Gesundheitstage, Firmenläufe, Ernährungsberatung und -workshops sowie Wettbewerbe um die Einführung von Betrieblichem Gesundheitsmanagement und kreative Ideen in Sachen BGF sind deshalb en vogue. In Kooperation mit zwei GKVn und Fachärzten wurden im Rahmen des Projektes „Handwerk vital & demografiefest“ bei der Handwerkskammer (HwK) Koblenz zwei Impulsseminare veranstaltet, die Betriebsinhabern, Führungskräften und Unternehmerfrauen aus dem Handwerk die Hintergründe von zwei der häufigsten Gesundheitsprobleme aufschließen halfen.

Bei den Berufskrankheiten stehen seit Jahren Rücken und Bewegungsapparat an erster Stelle. Deshalb wurden in diesem Seminar die Besucher am Beispiel Rückenbeschwerden in einem Dreischritt an die Idee einer systematischen BGF herangeführt.

„Der Rücken – Achillesferse der Gesundheit“
Dr. med. Eckhard Weber – Facharzt für Orthopädie und Rheumatologie, Osteopathische Medizin D.O. (DAAO), Akupunktur und QiGong in Bad Kreuznach – erläuterte zunächst Struktur und Funktion von Rumpf und Rücken, um daraus Entstehungsursachen und Möglichkeiten zur Vermeidung von Rückenschmerzen abzuleiten. Er stellte fest, dass jeder zweite Patient beim Orthopäden Wirbelsäulenbeschwerden habe und jeder zehnte deshalb seinen Hausarzt aufsuche. Zu den Beschwerden führten biologische, physiologische und soziale Einflüsse. Überlastungsgefahren in Alltag und Arbeitsleben resultieren nach seiner Erfahrung aus zu langem und einseitigem Sitzen und Stehen sowie zu schnellem Gehen. Als häufigste Diagnosen beleuchtete er „Ischias“, Hexenschuss, Bandscheibenvorfall und „Verschleiß“. Als Therapieverfahren empfahl er nach einer ganzheitlichen Haltungs- und Bewegungsanalyse eine Physiotherapie der Schlüsselpunkte und -regionen, aber auch Eigenübungen und -maßnahmen, z.B. durch individuell passenden Sport. Operative Maßnahmen sollten nur ins Kalkül gezogen werden, wenn vorangegangene Maßnahmen ohne Erfolg geblieben seien und/oder eine akute Gefahr der Schädigung von Nervenbahnen bestehe.

Ein Kooperationspartner bei der Installation von BGF in kleinen und mittleren Unternehmen können Fitness-Studios sein. Sportökonom (B.A.) Philipp Schmitt von der HGM Fitness AG in Bad Kreuznach stellte den Prozesscharakter bei Einführung einer systematischen BGF dar: Nach einer strategischen Zielfestlegung folge die Erhebung der Ist-Situation, organisatorischer Möglichkeiten und des Finanzaufwands. Hierzu biete die HGM Fitness AG den Unternehmen Gesundheitschecks und ergonomische Arbeitsplatzanalysen analog der GKV an. Operative Ziele könnten dann in konkrete Maßnahmen einmünden: Gesundheitskurse, wie etwa Rückenschule, Wirbelsäulengymnastik, Bewegungs- und Entspannungskurse oder ein zwölfwöchiges Intensiv-Gesundheitsstudio. An einer Beispielsrechnung illustrierte Schmitt, dass bei einer Senkung der Ausfallquote um zwei Prozent jährlich 800 EUR pro Mitarbeiter allein bei den Lohnkosten eingespart werden könnten. Diese in Prävention zu investieren, seien nicht nur für den Betrieb, sondern auch für die Mitarbeiter vorteilhaft. Den Unternehmen könne hierüber langfristig ein Image- und Attraktivitätsgewinn zuwachsen, was in einer Zeit steigenden Fachkräftemangels und -schwundes immer drängender werde.

„Mehr Chancen“ versprach Ike Schuster von der IKK Südwest Frankfurt bei der Einführung von BGF in die Handwerksunternehmen. GKVn unterstützten BGF-Aktivitäten personell, finanziell und durch Bereitstellung von Netzwerken. Mit ABC – kurz für Analyse, Beratung und Coaching – fasste er das Leistungsspektrum der Innungskrankenkasse zusammen, das je nach Betriebsgröße zwei Rückenprogramme vorsehe: „Rückenfit am Arbeitsplatz“ bzw. „Betriebs Check-up Rücken“. Beide Programme beinhalten eine ergonomische Arbeitsplatzanalyse, einen Rücken-Check der Mitarbeiter, Beratungen zur gesundheitsförderlichen Arbeitsplatzgestaltung und Rücken-Coachings. Abschließend unterschied Schuster drei Modelle der Steuerbefreiung bei Umsetzung von BGF in der Praxis.

Hau(p)tsache gesund!
Bei dem Impulsseminar: „Die Haut – Spiegel der Befindlichkeit“ gab Dermatologe Dr. Georg Mauer, niedergelassener Facharzt in Bad Kreuznach, einen Überblick über arbeits- und psychosomatisch bedingte Hautkrankheiten, die nicht nur körperlich, sondern auch psychisch belastend seien, da sie bei Sichtbarkeit häufig zu erheblicher Selbstwertreduzierung führen können. Als Beispiele erläuterte er: Tumore, entzündliche Erkrankungen, Ekzeme und Allergien. Unter „Individualisierungswahn“ fasste er die negativen Folgen von „coolen“ Modeerscheinungen, wie etwa Tätowierungen oder Piercings, sowie Artefakte, die durch bewusst herbeigeführte Narben und Verletzungen entstehen. Deutlich wurde, dass viele Krankheiten nicht unbedingt berufstypisch seien, jedoch neben der Privatsphäre auch auf das berufliche Umfeld einwirken können. Nicht immer handele es sich dabei um dramatische Hautleiden, wie etwa übermäßiges Schwitzen. Bei eindeutigem Berufszusammenhang habe der Dermatologe einen Bericht an die Berufsgenossenschaft (BG) zu übersenden und diese die Einleitung eines Heilverfahrens, evtl. die Anerkennung einer Berufskrankheit vorzunehmen. Neu sei seit Januar 2015 die durch Sonnenbelastung hervorgerufene Berufskrankheit 5103. Der Arzt appellierte an die Unternehmer, bei Hauterkrankungen frühzeitig den Facharzt aufzusuchen oder aufsuchen zu lassen, um schwerwiegende Folgen zu vermeiden. Auch sollte bei betroffenen Mitarbeitern ggfs. eine zeitweilige oder ständige Arbeitsplatzumbesetzung erwogen werden.

Seitens der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland prognostizierte Micha Coeleveld, dass das psychische Belastungsniveau des Einzelnen aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen weiter ansteigen werde. Deshalb sei – nicht zuletzt auch zur Reduzierung von Hauterkrankungen, die von 2010 bis 2014 um fünf Prozent zugenommen haben – Stressbewältigung und Ressourcenstärkung eines der hauptsächlichen Präventionsprinzipien. Hierzu biete seine GKV den Unternehmen eine breite Palette von gesundheitsfördernden Interventionshilfen. Diese bezögen sich sowohl auf inhalts- und prozessorientierte Beratung der Unternehmer hinsichtlich Arbeitsorganisation, Personalführung und Kommunikation, als auch auf Weiterbildung und Qualifizierung von Führungskräften und Mitarbeitern. Neu im Produktportfolio sei ab Herbst 2016 das Präventionsprogramm „Lebe Balance“ mit einem Balance-Check, Aktionen, Vorträgen und Kursen.

Dr. Lothar Greunke

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