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Gesundheits- und Pflegeberufe

Wenn der Horror immer wiederkehrt

So mancher Soldat, Rettungssani, Sportler oder Polizist kennt es: Im Einsatz sterben Kameraden, Kollegen oder Freunde links und rechts, doch man selbst überlebt verletzt. Lärm, Schreie, Chaos, Filmriss: Die Bilder kommen später zuhause immer wieder zurück. Und die Schuldgefühle. Warum erwischte es die anderen? Wie hätte ich das bloß verhindern können? Denn schwer traumatisierte Menschen erleben die dafür ursächlichen Ereignisse später immer wieder als „filmartige Sequenzen“. Kleinere Traumata können sogar jeden treffen, weiß Frau B. Lobert-Speck, Chefärztin der Hardtwaldklinik II, Fachklinik für psychogene Erkrankungen in Bad Zwesten. Mit ihr korrespondierte die Redaktion über das Thema „seelische Verletzungen“.

Berufsgruppen, die für Traumata ein besonderes Risiko haben, behandelt Chefärztin Lobert-Speck mit ihrem Team in der nordhessischen Klinik, aber auch andere Patienten: „Ein Trauma ist ein außergewöhnliches Erlebnis, von dem auch andere, wenn sie es hören, einen Schrecken bekommen und ,die Luft anhalten‘. Z.B. bei Sportunfällen, Naturkatastrophen (…), wo z.B. schlimmstenfalls jemand zu Tode kommt.“ Weil die Menschen in „einer bewegten Welt leben, ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass jeder im Laufe des Lebens von kleineren Traumata betroffen werden kann“, so Chefärztin Lobert-Speck.

Viele Betroffene aus Nordhessen bekommen bei ihr und dem Team Hilfe, wenn „sie unter Symptomen wie Bildern bzw. filmartigen Sequenzen der Erlebnisse (sogenannten flash backs) leiden, sich verändern, (…) nicht mehr rausgehen, sich von Menschen zurückziehen, verstummen, ,Tagträume‘ haben, leicht schreckhaft, aggressiver werden, als sie sich kennen, ungeduldiger mit sich und anderen und immer wieder von Albträumen, die die traumatischen Ereignisse betreffen, geplagt werden und unter Schlafstörungen leiden.“

Dauerhaft seelisch verletzt: PTBS
Je früher man im Laufe des Lebens Belastendes erlebt, umso „größere Folgen hat das für die Betroffenen, auch im Sinne von hirnphysiologischen Folgen, wodurch die Behandlung komplizierter und langwieriger wird, da die Menschen neben der Posttraumatischen Belastungsstörung eben auch tiefgreifende Bindungs- und Kontaktstörungen in der Folge erleben“, erklärt Chefärztin Lobert-Speck.

Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) enstehen, wenn man seelische Verletzungen (Traumata) nicht mehr von selbst psychisch verarbeiten kann. Dann treten Wochen, Monate oder Jahre später immer wiederkehrend die typischen Symptome auf. Das Erlebte kehrt immer wieder zurück, weil es zu sehr belastet. Betroffene entwickeln PTBS, „wenn die Ereignisse an Gefühle von Schuld/Scham/Ohnmacht und Hilflosigkeitsgefühle gekoppelt sind, oder frühere Gefühle von Hilflosigkeit durch neuere traumatische Belastungen wieder erlebt werden und mit dem Trauma gekoppelt werden. Diese Kopplung muss dann in der Traumaverarbeitung sozusagen aufgelöst werden.“ Auf die Frage, was denn bisher der schönste Erfolg mit Patienten war, antwortet Chefärztin Lobert-Speck: „Da gibt es viele. Viele Menschen, die zu uns kommen, sind berührt (…), dass sie Ereignisse erzählen dürfen, wenn sie es wollen, aber es nicht müssen, dass sie gehört werden, sie (…) das Gefühl haben, sie können selbst etwas tun, damit es ihnen besser geht. Sie bekommen ,Handwerkszeug‘ zur Verarbeitung der Traumata und schöpfen neue Hoffnung, dass die Traumatisierung kleiner und ihr Leben wieder größer wird und ihre Lebensqualität wieder steigt.“

Seit 1. Januar 2020 gibt es in Kassel noch eine weitere Hilfe für Traumapatienten. Denn Frau Lobert-Speck hat ihre eigene Praxis als niedergelassene ärztliche Psychotherapeutin eröffnet.

Foto (Symbolbild): © Bundeswehr/Falk Bärwald

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