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Allgemein

Achtsamkeit – Kraftquelle für Jedermann (II)

Worauf zielt Achtsamkeit?

b) Im Hier und Jetzt leben!

Das Gedankenkarussell lotst uns zur mentalen Flucht aus der Gegenwart in parallele Traumwelten! Die hypothetische Alternative: „Was wäre, wenn…?“ beschäftigt uns zunehmend, so dass wir verlernen, das zu schätzen, was wir jetzt haben und überschätzen häufig unsere Fähigkeit, uns den neuen Verhältnissen anzupassen! Gleichzeitig unterschätzen wir gegenwärtige Potenziale, die in Zukunft möglich wären!

Achtsamkeit legt vor diesem Hintergrund nahe:

  • Sich selbst treu bleiben!
    „Die eigenen Werte und das, was man im Leben tut, stimmen so weit wie möglich überein.“14)
  • Genügsamkeit!
    Enthaltsam zu leben ist „nicht nur der Motor der persönlichen Entwicklung, sondern des Überlebens einer Gemeinschaft überhaupt.“15)
  • Vitaldaten beobachten!
    Regelmäßig Blutdruck, Puls, Körpergewicht und -fett messen; regelmäßig Blutuntersuchungen (Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente) sowie Vorsorgeuntersuchungen!

c) Nicht automatisch reagieren!

Prof. Ernst Pöppel, Psychologie an der LUM München, schätzt, dass wir pro Tag circa 20.000 Entscheidungen zu treffen haben. Sind 90 Prozent davon unbewusst, bleiben 2.000 übrig, d.h. – unter Abzug von acht Stunden Schlaf – zwei Entscheidungen pro Minute für Profanes, Kompliziertes und Lebenswichtiges.16) Diese Entscheidungen erfolgen normalerweise unter Berücksichtigung von einschlägigen Erfahrungen oder aber durch Intuition.

Achtsamkeit legt vor diesem Hintergrund nahe:

  • Sich Zeit nehmen!
    Gute Entscheidungen setzen voraus, dass „der Entscheider über sich verfügt. Wenn die notwendige Distanz da ist, die es erlaubt, sich ein Urteil zu bilden. Und genügend Zeit.“17)
  • Grenzen setzen!
    Rollenverweigerung ist eine Missachtung der Mitmenschen: „Dort, wo früher klar war: Dies ist meine Sache und jenes liegt in der Verantwortung eines anderen, herrscht heute Niemandsland. Alle haben etwas zu sagen, aber niemand trägt die Verantwortung.“18)
  • Selbstwirksamkeit!
    • „was einen Menschen zum Akteur macht […]: die Lust an der Anstrengung.“19)
    • „Selbstwirksamkeit […] bedeutet: Ich weiß, dass ich selbst etwas tun, bewältigen und bewirken kann.“20)
    • das Leben als Experiment betrachten und gestalten.21)

d) Mehr Gelassenheit entwickeln!

Ein „ganz normaler“ Tagesablauf:

  • nervender Verkehrsstau schon auf dem Weg zur Arbeit
  • zusätzlicher Stress durch Radarfallen; während diese offiziell nur der Sicherheitsvorsorge dienen, mehrt sich der Eindruck, dass diese von den Kommunen als Abzocke eingesetzt werden
  • Multitasking am Arbeitsplatz
  • Stress beim abendlichen Schlange-Stehen im Supermarkt, Zeitverzug durch Scheckkarten-Zahlung, quengelnde Kleinkinder usw.

Achtsamkeit legt vor diesem Hintergrund nahe:

  • Gelassenheitshaltung!
    • „Es gibt nur einen Weg zum Glück, […] aufzuhören mit der Sorge um Dinge, die jenseits der Grenzen unseres Einflussvermögens liegen.“
      (Epiktet, um 50–138 n.Chr.)
    • „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber dabei seine Seele verliert?“
      (Markus 8:36)
    • „So ist es nun einmal auf dieser Welt: Ein Flugzeug, das die Schallmauer durchbricht, macht eben viel mehr Lärm als ein gebrochenes Herz.“
      (Marilyn Monroe)
    • Gelassenheitsformel!
      „Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und gib mir die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.“
  • Das „Haus der Gelassenheit“!
    Gelassenheit war in der westlichen Philosophie seit Epikurs ataraxia („Nicht-Unruhe“, Nietzsche: „Windstille der Seele“) im 4./3. Jahrhundert sowie in der christlichen Theologie seit Meister Eckharts gelazenheit im 13./14. Jahrhundert ein ethischer Fundamentalbegriff, der als zuht und mâze auch zu den ritterlichen Tugenden gehörte.22)

d)    Das wirklich Wichtige ernstnehmen!

Beispiel: Der ärztliche Befund lautet: Krebs im fortgeschrittenen Stadium! Und jetzt?

Vor diesem Hintergrund bedeutet Achtsamkeit:

  • Sich mit dem Wörtchen „noch“ anzufreunden!23)
    „Wie viel Zeit bleibt mir noch? Welche Pläne lassen sich noch realisieren? […] Habe ich noch die Kraft dazu? Wie lange noch?“
  • Gewohnheiten mindestens exemplarisch bewahren!24)
    Gewohnheiten stiften Vertrautheit und entlasten von permanentem Entscheidungszwang. So verhindern sie, dass man sich im Alltagschaos verliert.
  • Gesundheit als Arbeit!25)
    Akzeptieren von medizinischen Interventionen; Schmerzen als Aufgabe betrachten, die einem das Leben stellt und sie soweit möglich integrieren! In chronischen Fällen ist dies unverzichtbar, um sich nicht aufzureiben.
  • Das Leben annehmen!26)
    Einverstanden sein mit dem Leben, von Grund auf, wenn auch nicht in allen Details. Wollen, dass es so und nicht anders immer wiederkehren möge! Am Ende seinen Kindern und Enkeln zeigen wollen, wie man stirbt!
  • Abschiedlich leben!
    • „Denke, in welcher Beschaffenheit des Leibes und der Seele dich der Tod antreffen wird, sowie an die Kürze des Lebens, an den unermesslichen Zeitraum hinter dir und die Ewigkeit vor dir, an die Gebrechlichkeit allen Stoffs.“27)
    • „Noch eine kleine Weile – dann wirst du selbst nirgends mehr sein, noch etwas von den Dingen, die du jetzt siehst, noch von den Menschen, die jetzt leben. Denn alles ist von der Natur zur Umwandlung, zur Veränderung und zum Untergang bestimmt, damit anderes an seine Stelle rücke.“28)

Dr. Lothar Greunke

Anmerkungen:
14) a.a.O., S. 183
15) a.a.O., S. 174
16) a.a.O., S. 60
17) a.a.O., S. 65
18) a.a.O., S. 185
19) a.a.O., S. 166
20) a.a.O., S. 168
21) vgl. NIETZSCHE, F.: Die fröhliche Wissenschaft („la gaya scienza“), 4. Buch, Aph. 324. in: COLLI, G./MON-TINARI, M.: Kritische Studienausgabe, Band 3. München 1999
22) vgl. SCHMID, W.: Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden. Berlin 192016, S. 15
23) a.a.O., S. 30
24) vgl. a.a.O., S. 42 und 45 f
25) vgl. a.a.O., S. 58, 60 und 62
26) vgl. a.a.O., S. 91 und 96
27) Marc Aurel: Selbstbetrachtungen. Frankfurt/Leipzig 2008, S. 185, Aph. 7
28) a.a.O., S. 188, Aph. 21

 

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