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Allgemein

Achtsamkeit – Kraftquelle für Jedermann (I)

Das 21. Jahrhundert ist der Beginn einer neuen Epoche mit gravierenden Veränderungen:1)

  • die digitale Revolution, die Zugang zu und Umgang mit Informationen wesentlich erleichtert und zugleich beschleunigt
  • die Automatisierung, die zunehmend menschliche Arbeit durch Maschinen ersetzt; der Mensch wird kognitiv gefordert, neue Maschinen/Roboter zu erfinden bzw. Softwareprogramme zu entwickeln
  • die Globalisierung, wobei Länder, Märkte und Menschen mit eigenen Werten, kulturellen Maßstäben und wirtschaftlichen Standards über Zeitzonen und Fremdheit hinweg zusammen kommunizieren und arbeiten müssen
  • die wirtschaftlichen und politischen Machtstrukturen: „heißer Krieg“ in Nordafrika und Asien, internationaler Terrorismus, Flüchtlinge aus Nordafrika, Asien und dem Balkan, die nach Europa drängen; Brexit als Anfang vom Ende der EU?
  • das Klima, das zunehmend durch sommerliche Gluthitze und eher milde Winter die physiologische Leistungsbereitschaft beeinträchtigt; Klimakatastrophen, die die übliche Tagesroutine mitunter massiv durcheinander bringen (Überflutungen, Evakuierungen usw.)
  • die Verknappung der Ressourcen mit einem Wettlauf der Industriestaaten um die letzten Lagerstätten; Entwicklungsländer ahmen Industriestaaten nach, beuten eigene Territorien rücksichtlos aus; Tierarten- und Waldsterben sowie unkontrollierbare Emissionen verstärken Klimawandel; Vermüllung der Weltmeere mit Fischsterben und Zwang zur Ernährungsumstellung
  • im Zuge eines Wertewandels werden alte Macht- und Autoritätsstrukturen hinterfragt und zunehmend Forderungen nach einem anderen Umgang mit Umwelt, Natur und Mitmenschen laut, die revolutionär scheinen.

Der Parallellauf dieser Veränderungen in den politischen und wirtschaftlichen Systemen verleiht ihnen eine tiefgreifende Dynamik. Sind sie in einem bis zwei Lebensbereichen noch verkraftbar, so übersteigen die Veränderungen in gleichzeitig allen Lebensbereichen die menschliche Anpassungsfähigkeit. Anforderungen an mentale, soziale und regionale Mobilität sind dabei vor allem auch für den Soldatenberuf typisch.

Neurasthenie (Nervenschwäche) fasst die meist immer gleichen Symptome zusammen, die daraus resultieren, dass der Mensch gegen seine Natur lebt: „chronische Müdigkeit, ständiges Genervtsein, Schlafstörungen, das Gefühl der Sinnlosigkeit, Verlust der Kreativität, Reizbarkeit, Schlappheit, Leistungsminderung, Negativismus, Interesselosigkeit, Infektanfälligkeit, Vergesslichkeit, Depressivität, Rückzugstendenz, das Gefühl, unter dauerndem Druck zu stehen, unaufhörliches Gedankenkreisen, Hoffnungslosigkeit…“2)

Die monokausale Erklärung „Überforderung“ durch gesellschaftlichen Bedingungen scheint jedoch ein „Mythos“, denn: „Nicht die Welt ist härter und fordernder geworden, sondern wir selbst sind schwächer geworden.“3) Grund ist der Wunsch nach sofortiger „Befriedigung der meisten unserer Wünsche“.4) Wer dem Überforderungs-Mythos aufsitzt, „ist verloren. Als einzige Reaktion bliebe ihm: Zähne zusammenbeißen und aushalten. Bis zur Depression oder zum Burn-out. Dieser Mythos sorgt dafür, dass Menschen schwach bleiben. Denn wer sich als Opfer sieht, traut sich nicht zu sein Leben selbst gestalten zu können.“5) Eine Entmythisierung durch gezielte Vorbereitung auf die gewandelten Lebensanforderungen gibt es derzeit nicht. Bis zum Alter von ein oder zwei Jahren besitzen wir eine „runde“ Persönlichkeit, eine „lebendige Kugel aus Energie“.6) Dann „tragen wir alle einen Sack auf dem Rücken, und wenn die Eltern bestimmte Aspekte von uns nicht schätzen, stecken wir sie einfach in den Sack, um uns die Liebe der Eltern zu bewahren.“7) Es folgen Lehrer und Gleichaltrige. „Bis wir etwa zwanzig Jahre alt sind, besteht unser Leben weitgehend darin, zu entscheiden, was wir in den Sack stecken wollen; den Rest unseres Lebens versuchen wir es dann wieder herauszuholen. Manchmal erscheint es völlig unmöglich, die Dinge wiederzuerlangen; es ist, als wäre der Sack zu fest veschnürt.“8) Dies ist der Ansatzpunkt für Achtsamkeit.

Was heißt „Achtsamkeit“?
Achtsamkeit ist eine Form von Aufmerksamkeit, die:
–    absichtlich herbeigeführt wird,
–    sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht und
–    nicht wertend ist.9)

Sie ist vor allem in der buddhistischen Selbsterlösungslehre und Meditationspraxis zu finden. Im westlichen Kulturkreis wurde sie insbesondere durch Einsatz in der Psychotherapie bekannt. Im Unterschied zum herkömmlichen Konzentrationsbegriff, der eine Einengung auf einen begrenzten Wahrnehmungsbereich vorsieht, wird bei Achtsamkeit der Fokus weit gestellt. So ist im „Maximalfall eine weitwinkelartige Aufmerksamkeitseinstellung erreichbar, die in einer umfassenden, klaren, und hellwachen Offenheit für die gesamte Fülle der Wahrnehmung besteht.“10) Achtsames Verhalten drückt sich z.B. dadurch aus, dass wir:
–    Wesentliches vom Unwesentlichen unterscheiden!
–    Entscheidungen treffen!
–    intuitiv reagieren, nicht instinktiv!
–    Bedürfnisse aufschieben!
–    konsequent sind!

Worauf zielt Achtsamkeit?
a) Gedankenkarussell stoppen!
Die Schnelllebigkeit unserer Zeit führt zu innere Rast- und Ruhelosigkeit, die den Geist ständig wach hält. Auslöser sind u.a.:

  • Erinnerungen
    • Vergangenheit verklärende Nostalgie und/oder
    • traumatische, quälende Fesseln
  • Sorgen und Ängste, die Unsicherheit erzeugen, weil wir nicht wissen, wohin ihre Anlässe uns führen und was wir dagegen tun können
  • Zukunftspläne, z.B.:
    • Familiengründung/-vergrößerung
    • Trennung von Partner/-in bzw. Familie
    • Pflege von Angehörigen
    • Hausbau
    • Berufs-/Aufgabenwechsel
    • Wohnungswechsel
  • Vergleiche wie:
    • eigenes äußeres Aussehen
    • Aussehen des Partners/der Partnerin
    • Statussymbole (Auto, Haus, Wohngegend, Urlaubsziel)
    • Schulerfolg der Kinder
    • Ehrenämter, öffentliche Auszeichnungen u.a.

Achtsamkeit legt vor diesem Hintergrund nahe: Entschleunigung und Ruhe!

  • Ruhepausen bedeuten: „innehalten und sich wenigstens eine kleine Zeitspanne lang von neuen Informationen abschirmen. So gewinnt die Psyche Zeit für eine Nachschau.“11)
  • Ruhe spendet Kraft und stiftet Sinn.12)
  • Wöchentlicher Waldspaziergang: Während die Bäume langsam an einem vorbeiziehen, natürliche Geräusche unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, kehrt über die Bewegung innerer Friede ein, und die Psyche kommt zur Ruhe.13)

Dr. Lothar Greunke

Anmerkungen:
1) vgl. KIRCH unter: https://dfme- achtsamkeit.de/wp-content/uploads/2015/10/Goetterdaemmerung.pdf
2) WINTERHOFF, M.: Mythos Überforderung. Was wir gewinnen, wenn wir uns erwachsen verhalten. Gütersloh 2015, S. 7 f
3) a.a.O., S. 254
4) a.a.O., S. 183
5) a.a.O., S. 254
6) BLY, R.: Die dunklen Seiten des menschlichen Wesens. München 1993
7) a.a.O., S. 30
8) a.a.O., S. 32
9) Definition nach Jon Kabat-Zinn, zit. in: https://de.wikipedia.org/wiki/Achtsamkeit.
10) siehe https://de.wikipedia.org/ wiki/Achtsamkeit
11) WINTERHOFF a.a.O., S. 205
12) vgl. a.a.O., S. 206
13) vgl. a.a.O., S. 208

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