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Allgemein

Nachhaltiges Wirtschaften

Wenn wir weiter so wie bisher wirtschaften, bräuchten wir 3,1 Erden!“ Mit diesen Worten moderierte Michael Frein vom rheinland-pfälzischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau die Auftaktveranstaltung der Landeszentrale für Politische Bildung Rheinland-Pfalz zum Thema: „Faire Welten – Unternehmen zwischen Markt und Verantwortung“1) an. Nachhaltigkeit (englisch: sustainability) heißt der Versuch, dieser Tendenz entgegenzuwirken. Es ist eine deutsche Wortschöpfung aus 1713 und wird heute generell in dem Sinne „die Welt retten“ verstanden.

Geschichte
Prof. Dr. Katharina Spraul, Inhaberin des Lehrstuhls für „Sustainability Management“ an der Technischen Universität Kaiserslautern, stellte heraus, dass die Vereinten Nationen 1980 die World Commission on Environment and Development unter dem Vorsitz von Gro Harlem Brundtland gegründet hatten. Ihr Ergebnis war 1987 „Our Common Future“, worin nachhaltige Entwicklung verstanden wurde als eine Entwicklung, die mit den vorhandenen Ressourcen auskommt ohne die Fähigkeit künftiger Generationen zu beeinträchtigen, auf die von ihnen benötigen Ressourcen zugreifen zu können.2) 1992 wurde in der United Nations Conference on Environment and Development (UNCED) in Rio de Janeiro, kurz: Rio-Konferenz, ein Drei-Säulen-Modell entworfen, wonach die Realisierung von Nachhaltigkeit sich auf eine ausgewogene Balance von Ökonomie, Ökologie und Sozialem stützen solle. Die aktuelle geologische Epoche, das Anthropozän, stelle zwar den Menschen und seine Fähigkeiten in den Mittelpunkt, doch finde eine Weiterentwicklung der Natur sowie des Menschen selbst planetare Grenzen. Spraul macht für Nachhaltigkeitsentwicklung (Sustainability Development/SGD) drei Spannungsfelder aus:

Evolution oder Revolution?
Von den Vereinten Nationen wurden in der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung nachstehende 17 Ziele zur Veränderung und Gestaltung unserer Welt (SGD-Goals) vorgegeben:3) Keine Armut, keinen Hunger, Gesundheit und Wohlsein, hochwertige Bildungssysteme, gleiche Chancen für Frauen und Männer, sauberes Wasser, günstige und saubere Energien, annehmbare Arbeit und ökonomisches Wachstum, Industrie-Innovation-Infrastruktur, Ungleichheiten reduzieren, nachhaltige Städte und Gemeinden, verantwortlicher Konsum mit verantwortlicher Produktion, Bekämpfung des Klimawandels, Erhaltung maritimer Arten, Erhaltung des Lebens an Land, Frieden und Gerechtigkeit und starke Institutionen sowie die interkontinentale Partnerschaft für die Zielsetzungen.

Diese Ziele zu verwirklichen, fängt auf der individuellen Ebene bei jedem Einzelnen an und vollzieht sich in drei Ebenen: etwa von der privaten Lebensführung über getrennte Abfallentsorgung zur umweltschonenden Nutzung von Transportmitteln. Entscheidende Ausgangspunkte und gleichzeitig zentrale Akteure zur Lösung von Nachhaltigkeitsproblemen sind indes die Wirtschaftsunternehmen. Sie tragen Verantwortung im Kerngeschäft (Wie werden Gewinne gemacht?) und darüber hinaus (Was wird mit den Gewinnen gemacht?) – Ansatzpunkte, die für nachhaltiges Wirtschaften zunehmend integriert werden müssen. Vorteile kleiner Schritte sind dabei die Erzeugung von Selbstwirksamkeit und Motivation. Größere Aktionen erfordern dagegen nachhaltige Geschäftsmodelle und Gemeinwohlökonomie.4)

Markt oder Regulierung?
Nachhaltigkeit wird in der globalen Wertschöpfungskette angetrieben durch:

  1. Marktfaktoren: Konsumenten/-innen, Investoren/-innen, Mitarbeiter/-innen und Wettbewerber/-innen
  2. die Regulierungsebene: Gesetzgebung mit
    • Politikgestaltung durch Zielvorgaben (z.B. SDG-Goals)
    • Förderung durch Kooperationen mit der Wirtschaft (z.B. Bündnis für nachhaltige Textilien)
    • Regulierung und Sanktionen (z.B. 1 t CO2)
    • Vorbildfunktion: Nachhaltige Verwaltung (z.B. Perspektiven für Rheinland-Pfalz, Nachhaltigkeitsstrategie Fortschreibung 2015)
  3. die gesellschaftliche Ebene: Medien, Nonprofit-Organisationen und Öffentlichkeit.

Mögliches Ergebnis sind von Unternehmen oder Verbänden entwickelte Nachhaltigkeitsstandards oder freiwillige Selbstverpflichtungen.

Bewusstsein schaffen oder Gewinnerzielung?
Mit der Bonner Erklärung 2014 wird einerseits eine Bildung intendiert, die Menschen zu zukunftsfähigem Denken und Handeln befähigt (Bildung für nachhaltige Entwicklung/BNE). Dazu gehören etwa auch Maßnahmen gegen die Konsumentenverwirrung durch Produkt-Labels.

Andererseits setzen die Wirtschaftsbranchen Prioritäten bei der Umsetzung der SGD-Goals und picken sich „Rosinen“ heraus – nur ein Prozent der Unternehmen planen, alle 17 SGDs zu verfolgen! Auffällig wird dies hinsichtlich Förderung bzw. Eingrenzung der Vielfalt der Ökosysteme oder der Vielfalt zwischen und innerhalb der Arten (Biodiversität) gem. SDG 14 und 15).5) Fakt ist, dass nachhaltig erzeugte Produkte 20–25 Prozent teurer sind als nicht-nachhaltig erzeugte, da für eine Dokumentation der Nachhaltigkeit der gesamten Wertschöpfungskette Kosten anfallen. Dazu müssen Unternehmen, die sich für nachhaltiges Wirtschaften engagieren, derzeit noch intensive Überzeugungsarbeit bei ihren Kunden leisten, da diese meist nur nach Preislage entscheiden.

Fazit
Um Nachhaltigkeit voranzubringen, ist die Untersuchung von Relevanz und Wesentlichkeit einschlägiger Themen für die unternehmerischen Anspruchsgruppen sowie eine gezielte Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Institutionen, Unternehmen und Nonprofit-Organisationen erforderlich.6)

Dr. Lothar Greunke

Anmerkungen:
1) Veranstaltung am 13. März 2017 im Landesmuseum Mainz.
2) Übersetzung des Autors.
3) Quelle: http://www.un.org/sustainabledevelopment/sustainable-development-goals/
4) vgl. hierzu den Artikel „Weltethos als Alternative zum ´Kampf der Kulturen´“ in: Bund+Beruf 2/2013, S. 33 ff.
5) Am 29. Dezember .1993 trat die UN-Biodiversitäts-Konvention in Kraft; im April 2012 der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) installiert.
6) vgl. hierzu den Artikel „Unternehmen als moralische Akteure“ in: Bund+Beruf 2/2016, S. 44.

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