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Handwerk

Projekt „Hvd“

Gesundheitsförderung als Instrument der Personalpolitik: Hinter dem Kürzel „Hvd“ verbirgt sich ein Projekt, das die Handwerkskammer Koblenz 2016 im Auftrag des rheinland-pfälzischen Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Demografie im vierten Jahr fortführt. Das Kürzel steht für: „Handwerk – vital & demografiefest“.

Worum geht es?
Das Projekt, das aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) mitfinanziert wird, transferiert Gesundheit aus der Werteskala der Europäischen Gemeinschaft in die Wirtschaft. Der Transfer richtet sich an die Inhaber von Kleinst-, Klein- und Mittleren Unternehmen (zusammengefasst: KMU) im Handwerk.

Schwellenwerte für diese Eingrenzung sind vor allem die Beschäftigtenzahl von unter zehn, 50 beziehungsweise 250 Beschäftigten sowie Jahresumsätze von unter zwei, zehn bzw. 50 Millionen EUR. Projektziel ist die Hilfe zur Selbsthilfe, um KMU-Inhaber für die Gesundheitserhaltung und -verbesserung ihrer Mitarbeiter im Sinne eines Win-Win-Modells zu sensibilisieren: „Geht es dem Mitarbeiter gut, geht es auch dem Unternehmen gut!“ Was sich so einfach liest, ist faktisch für Kleinst- und Kleinunternehmen aber nicht einfach umzusetzen, weil dafür Fach- und Führungskräfte häufig fehlen. Denn es geht nicht nur um die Einhaltung von gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitgeberpflichten, wie z.B. die Gefährdungsbeurteilung nach § 5 Absatz 1 und 2 Arbeitsschutzgesetz oder Betriebliches Eingliederungsma-nagement nach § 84 Absatz 2 des Neunten Sozialgesetzbuches. Dazwischen liegt gewissermaßen als Kür die so genannte Betriebliche Gesundheitsförderung und Prävention nach §§ 20 und 20 a Fünftes Sozialgesetzbuch (Leistungen der Gesetzlichen Krankenkassen). Deshalb setzt das Projektkonzept neben der Sensibilisierung in Einzelgesprächen oder bei Gruppeninformationen, z.B. Innungsversammlungen, Treffen der Unternehmerfrauen oder in Meisterprüfungsvorbereitungskursen, vor allem auf die Weiterbildung der Betriebsinhaber. Im Kammerbezirk Koblenz befinden sich fast 20.000 Unternehmen mit über 100.000 Beschäftigten. Für deren Betreuung stehen bei der Kammer drei Mitarbeiter (1,4 Stellen) zur Verfügung, denen regionale Schwerpunkte im Norden und Süden des Kammerbezirks zugewiesen sind.

Hintergrund
Mit dem Projekt Hvd reagiert die Kammer auf die aktuelle Personalsituation in den Unternehmen: Denn der demografisch bedingte Fachkräftemangel wird zusätzlich verstärkt durch einen Fachkräfteschwund infolge krankheitsbedingten Ausfällen und Alterung der Belegschaften. Alterung bedeutet für die Betriebe konkret: häufigere Fehlzeiten aufgrund von Erkrankungen, chronischer Überbeanspruchung (Stress) der Gesunden, die dadurch ihrerseits krank werden können oder „innerlich kündigen“, Fluktuation oder Frühverrentung. Hauptursache bei den krankheitsbedingten Fehlzeiten sind unverändert Wirbelsäulen-Erkrankungen, von denen bekanntermaßen 80 Prozent mitverursacht werden durch psychische Belastungen; an zweiter Stelle stehen Herz-Kreislauf-Erkrankungen; an dritter Stelle psychische Belastungsstörungen1). Dies alles senkt die Produktivität und erhöht die Kosten! Doch Gesundheit ist nicht nur ein unternehmerisches Anliegen: Sie muss in Freizeit und Privatleben von den Beschäftigten selbst mitgetragen werden! Schließlich möchte jeder ja auch nach Ende der Lebensarbeitszeit noch gesund in den Lebensabend eintreten, die „letzten Jahre“ genießen können! Dazu ist aktive Mitwirkung erforderlich, wie dies etwa ein Blick auf den Zusammenhang zwischen Übergewicht, Rauchen und Krebs nahelegt2)! Gesundheit hat man nicht ein für alle Mal, sondern man muss sie sich täglich neu erringen – im Privatleben, wie auch bei der Arbeit. Sinnvoll wäre es z.B., betriebliche Gesundheitsförderung in Form von Rückenmassagen durch Dehnungsübungen beim Ausgleichssport in der Freizeit zu ergänzen und zu unterstützen. Evident ist auch, dass galoppierende Gesundheits- und Pflegekosten eine „Zeitbombe“ für die deutsche Volkswirtschaft darstellen; immer weniger Steuerzahler stehen aufgrund der demografischen Entwicklung dafür zur Verfügung. Daher reagieren Großunternehmen auf die zweifache Herausforderung in der Personalwirtschaft schon seit einigen Jahren mit einer Doppelstrategie: verstärkte Nachwuchswerbung einerseits, und Mitarbeiterbindung andererseits. Diese Strategie hilft den sie praktizierenden Unternehmen gleichzeitig, sich über eine Image- und Attraktivitätssteigerung auf dem Arbeitsmarkt hervorzutun.

Vorgehensweise
Um KMU Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung als personalpolitisches Instrument für die angesprochene Doppelstrategie zu erschließen, dominieren in den Weiterbildungsangeboten des Hvd-Projektes entsprechende Kernthemen: Impulsseminare greifen Einzelaspekte auf – z.B. Rückenleiden, Gehör- oder Hautschutz –, bei denen fachärztliche Diagnosen und Therapieansätze, Unterstützung durch externe Dienstleister (Fitness- oder Kosmetik-Studio) sowie Leistungen der Gesetzlichen Krankenkassen veranschaulicht werden. Eine Fachseminarreihe unter dem Namen VALET vermittelt Situations- und Umsetzungswissen. VALET (lateinisch: „er/sie ist gesund, stark mächtig“) steht dabei als Abkürzung für: V-ollwertig, A-ktiv, L-eicht, E-rfrischend und T-aff. Es ist die Idealbeschreibung des Mitarbeiters der Zukunft; und es auch kein Zufall, dass diese Eigenschaften zu einer bewussten und gesunden Ernährung passen. In konsequenter Umsetzung lauten die Themen der Fachseminare:

  • Betriebliches Gesundheitsmanagement erfolgreich umsetzen
  • Die Gefährdungsanalyse – Hilfsmittel zur Einführung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements
  • Der Chef als Vorbild
  • Betriebliches Eingliederungsmanagement in KMU
  • Fit durch Ernährung und Bewegung.

Dass sich bei den Seminarbesuchen KMU-Inhaber aus verschiedenen Branchen und Netzwerken treffen, ist durchaus gewollt: Es sollen auf diesem Wege Best-Practice-Beispiele kommuniziert und regionale sowie landesweite Netzwerke weitergeknüpft werden! Realistisch geschätzt, dauert die Einführung eines systematisierten Betrieblichen Gesundheitsmanagements, das einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess abbildet – d.h. zugleich ganzheitlich und nachhaltig ist –,3) etwa drei Jahre. Ein im Rahmen des Projektes vorgesehener Gesundheitstag für Unternehmer soll ein Beispiel geben für eine Einstiegsveranstaltung in Richtung Gesundheitsförderung beziehungsweise -management auf betrieblicher Ebene. In 2018 wird dann gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer Koblenz ein Wettbewerb „Gesunde Betriebe“ ausgerichtet werden.

Diskussion
Was bedeutet das für Soldaten, die die Bundeswehr verlassen? Zu empfehlen ist einerseits, das Thema „Gesundheitsförderung“ auf den Homepages potentieller ziviler Arbeitgeber zu recherchieren beziehungsweise in Bewerbungsgesprächen eigeninitiativ anzusprechen. Entsprechendes Engagement in dieser Hinsicht signalisiert klar und deutlich, dass die betreffenden Unternehmen an Mitarbeiterbindung interessiert sind, also langfristige Beschäftigungsaussichten bieten. Ist mit dreißig Lebensjahren „Gesundheit“ vielleicht noch kein drängendes Problem, kann sich dies zunehmend schnell ändern. Einfach zuwarten und aus Schaden klug werden, wäre sicher kein empfehlenswertes Vorgehen! Eine weitere Empfehlung geht dahin, die Zusatzqualifikation „Gesundheitsmanager“ zu erwerben, um sich gegenüber anderen Stellenbewerbern durch eine zunehmend gefragte Beratungs- und Managementkompetenz erfolgreich abzuheben4). Gerade ehemalige Unteroffiziere, Feldwebel und Offiziere bringen aufgrund ihrer Erfahrungen bezüglich Menschenführung, Fürsorge und Leitung von Sportübungen hierzu gutes Analyse-, Strukturierungs- und Überzeugungspotential mit.

Dr. Lothar Greunke
Foto: HwK/Okos

Fußnoten:
1) Neben den bekannten Zivilisationskrankeiten – Diabetes, Bluthochdruck, Schlaganfall, Herzinfarkt – verbreitet sich neuerdings auch Cybersucht immer mehr! (vgl. M. SPITZER: Cyberkrank. Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. München 2015 sowie B. TE WILDT: Digitale Junkies. Internetabhängigkeit und ihre Folgen für uns und unsere Kinder. München 2015. Beide stellen isolationistische Persönlichkeitsveränderungen durch ungebremsten Internet-Konsum fest, worin sich auch altbekannte Süchte, wie Glücksspiel und Kaufsucht, verlagern).
2) Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) hat festgestellt, dass Übergewicht und Fettleibigkeit an der Entstehung von 17 der 22 häufigsten Krebserkrankungen beteiligt ist. Laut PROCAM-Studie sterben jährlich 224.000 Deutsche an Krebs, davon 49,1 Prozent Raucher und 50,9 Prozent Nichtraucher. Bei beiden tritt Übergewichtigkeit mit höchster Häufigkeit auf. Bei normalgewichtigen Rauchern werden Ernährungsgewohnheiten und Alkoholkonsum als Ursachen für die hohe Mortalitätsrate vermutet.
3) Diese beiden Kriterien sind unabdingbar bei der Inanspruchnahme von Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse oder bei der Geltendmachung von Steuervorteilen nach § 3 Nr. 34 Einkommenssteuergesetz durch Unternehmen. So können z.B. individuelle Maßnahmen ohne Bezug auf ein Gesundheitsförderungskonzept, etwa die bloße Mitgliedschaft in einem Fitness-Club, nicht gefördert werden. Der „Leitfaden Prävention“ des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherungen listet gem. § 520 i.V. mit § 20a Fünftes Sozialgesetzbuch fünf Handlungsfelder auf, in denen Präventionsmaßnahmen bei Vorliegen der o.g. Förderkriterien gefördert werden können: Bewegung, Ernährung, Stressbewältigung, Entspannung sowie Suchtprävention.
4) vgl. Artikel „Arbeitssicherheit – betriebliches Gesundheitsmanagement“ in: Bund+Beruf 2–2013, S. 48–50.

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