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Allgemein

Wider die Mythisierung von Teamarbeit

Die Personalwirtschaft in den Unternehmen ist heute anscheinend beherrscht von einem Mythos: Team und Teamarbeit. Keine Stellenausschreibung, in der nicht von den Bewerbern Teamfähigkeit verlangt wird; kein Assessment-Center, in dem nicht die Befähigung zur Teamarbeit getestet wird; keine Dienstbesprechung und Mitarbeitergespräche, in denen nicht der Teamgeist beschworen wird. Legion ist die Zahl der Berater, Trainer und Supervisors, die die Unternehmen auf den Mainstream trimmen und Teamarbeit dressieren.

Ihren Anfang nimmt diese Entwicklung bereits in der Schule: „Projekte“ sind hier wie dort das Einübungsszenario, bei dem Einzelleistungen von – angeblich – gemeinschaftlichen Ergebnissen abgelöst werden. Ein Team soll weit mehr sein als nur eine Gruppe, die effektiv zusammenarbeitet – auch der „Geist“ ist wichtig, verleiht dem Ganzen eine höhere Form von Gemeinschaftlichkeit. Auffällig ist, dass die zunehmende Teamorientierung parallel läuft zu der Beschäftigung von Frauen in Führungspositionen. Dem korrespondiert, dass in den Grundschulen vor allem Lehrerinnen den Ton angeben! Bei ihren Kritikern steht Teamarbeit dagegen im Verruf, Leistung durch Happening zu ersetzen. Einige Management-Experten meinen sogar, dass „Team“ nur ein Deckmantel sei, mit dem Mitarbeiter/-innen von den harten Tatsachen abgelenkt werden sollen, z.B. dass oft nur einige vom Teamergebnis profitieren oder dass besonders kreative Spitzenleistungen nur selten in Teams erarbeitet werden. Was hat es also mit Teamarbeit auf sich?

Gruppe und Team
Hilfreich ist zunächst eine Unterscheidung zwischen Gruppe und Team. „Gruppe“ sind per Definition mindestens drei Menschen, die durch Interaktion miteinander verbunden sind – egal in welchem Lebenszusammenhang, sei es Kindergarten, Schule, Verein oder Beruf. Sie untergliedert sich formell in bestimmte Aufgabenträger, z.B. „Leiter“, „Stellvertreter“ oder einfach „Mitglied“; informell unterscheiden sich laut Sozialpsychologie verschiedene Rollenträger, vor allem: „Meinungsführer“, „Mitläufer“, „Opponent“, „Opportunist“ oder „Sündenbock“. Für die Leitung ist sehr bedeutsam, welches Mitglied als informeller Gruppenführer agiert, wie die soziale Gruppe die Kommunikation in der Organisation beeinflussen kann und ob es Konfliktpotenzial(e) gibt. Der Gruppendynamik ist zuzuschreiben, ob und wie gut der Zusammenhalt in der Gruppe ist und ob diese es schafft, zwischenmenschliche Störfaktoren zugunsten gemeinsamer Gruppenziele zu verarbeiten oder zumindest zu neutralisieren. Bedeutsam ist auch das Innen-Außen-Verhältnis der Gruppe: Wie definiert sie sich nach innen als Gemeinschaft, z.B. über Inhalte, Gefühle, Rituale, Werte? Wie grenzt sie sich vom Umfeld, von anderen (Fremd-)Gruppen oder der Gesellschaft ab?

„Team“ ist der Sonderfall einer außergewöhnlichen Gruppe, die

  • durch Vereinigung der persönlichen Stärken aller Mitglieder unter erschwerten Bedingungen außerordentlich leistungsfähig ist
  • durch ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein aller Mitglieder und deren Bereitschaft, persönliche Ziele zurückzustellen, Teamziele hartnäckig verfolgt
  • durch gegenseitigen Ansporn Synergie-Effekte erzielt, d.h. die Gesamtleistung ist höher als die Summe der Einzelleistungen
  • durch sinnvolle Koordination von Teilaufgaben und individuellen Fertigkeiten und Kenntnisse ihren Auftrag optimal bewältigen kann
  • durch ein Klima von gegenseitigem Vertrauen und Offenheit eine starke Identifikation aller Mitglieder mit „ihrem“ Team erzeugt und
  • auf der Basis gegenseitigen Verstehens eine optimale Verknüpfung von Information und aufrichtigem Ausdiskutieren verschiedener Ansichten garantiert.

Hier die Unterschiede in tabellarischer Zusammenfassung:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Phasen der Teamentwicklung
Ein Team ist nicht ad hoc in fertiger Konfiguration da, sondern durchläuft eine Entwicklung, für die Bruce W. Tuckmann bereits 1977 grob folgende Phasen identifiziert hat, die in der Praxis nicht klar voneinander abgegrenzt sind, sondern ineinander überfließen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Fortsetzung in B+B 3-2016)

Dr. Lothar Greunke
Foto: Dr. Greunke

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