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Freizeit- und Tourismusbranche

Von der Freizeit zur Muße

Bereits 1989 hatte die Theologin Jutta Krauß-Siemann mit der Trias von Freiheit, Ruhe und Glück einen erneuerten Begriff von Muße erfasst, der biblisches und griechisch-antikes Denken miteinander verbindet:* „Muße“ als erfüllte Zeit reiche weiter als der im 19. Jahrhundert entstandene Freizeitbegriff und stehe für eine Haltung, die nicht beliebig abgelegt und wieder übergestreift werden könne. Freiheit und Ruhe seien sowohl ihre Merkmale als auch Voraussetzungen, ihr Ziel das Glück. „Mußedurchwirktheit“ zeige sich in Ausgeglichenheit, Gelassenheit, Besonnenheit und Humor. Als tragfähige Basis der Ich-Identität ermögliche sie Beeindruckungs-, Kommunikations- und Interaktionsfähigkeit ohne nur außengeleitete Erlebnisabhängigkeit. Eine solche Haltung sei jedoch nicht produzierbar, wohl aber können Verhinderungsfaktoren ausgeräumt werden.

Wie sieht es dagegen in der heutigen Lebenswirklichkeit aus? Die Stiftung für Zukunftsfragen hat in ihrem Freizeitmonitor 2015 u.a. erhoben:**

a)    Im Vergleich zu 1984 ist das Stresspotenzial, das Gefühl von Gehetzt-, Genervt- und Angespannt-Sein deutlich gestiegen. Individuelle Ursachen sind:

  • Konsumterror explodierender Freizeitangebote, der eine gefühlte chronische Zeitnot und permanenten Entscheidungszwang vermittelt und
  • dazu verführt, Anschaffungen nur des Besitzes, nicht des Gebrauchnutzens wegen zu tätigen.
  • Reizüberflutung, die Freizeitbeschäftigung zunehmend zur „Freizeitgeschäftigung“ macht.
  • Überfrachtung der Wochenenden.
  • Mitmenschen werden als Störfaktoren empfunden, die eigene Freizeitbedürfnisse unterminieren und dadurch Anspannung verursachen.

Ausblick:
Den persönlichen Stresspegel kann nur jeder für sich selbst reduzieren. Hilfreich ist bei der Bewusstmachung eigener Freizeitbedürfnisse, Wichtiges vom Unwichtigen zu trennen. So kann bewusster Verzicht in der Freizeit sehr positiv wirken nach dem Motto: „weniger ist mehr!“

b)    Probleme, abschalten zu können

  • Erreichbarkeit auch nach Feierabend, Versingelung und Kinderlosigkeit haben die Bedeutung von Kollegen als Gesprächspartner und mithin den Einfluss der Arbeitswelt auf die Freizeit ansteigen lassen.
  • Andere „Freizeitfresser“ sind Verpflichtungen aus der Kontaktpflege im Freundes- und Bekanntenkreis, Vereinsmitgliedschaften und ehrenamtlichem Engagement, gegenüber der Familie, Einkauf und Haushalt.
  • So verwundert es nicht, dass über die Hälfte der Deutschen Zeit für Abschalten und Entspannung benötigt. Von 100 Befragten gaben an, hierfür so viel Zeit nach Erledigung der Tagespflichten zu benötigen:
    48 Prozent: sofort
    38 Prozent: circa 1 Stunde
    acht Prozent: Feierabend gibt es nicht wirklich
    sechs Prozent: mehrere Stunden.
  • Während sich aber Arbeiter, Beamte und Angestellte relativ schnell von ihrer Berufstätigkeit erholen, benötigen Hausfrauen und Selbstständige hierfür deutlich mehr Zeit. 25 Prozent der Hausfrauen geben sogar an, gar keinen Feierabend zu haben.

Ausblick:
Der Feierabend verschiebt sich zunehmend rückwärts. 20 Uhr als feste Startzeit für abendliche Entspannung hat sich ebenso überlebt wie das Anruftabu nach Beginn der Tagesschau oder Zubettgehen nach Ende des TV-Spielfilms gegen 22 Uhr. Der Beruf greift immer weiter in die Freizeit ein! Mögliche Folgeerscheinungen (Stress, Burnout) bewegen immer mehr Unternehmen dazu, den beruflichen Einsatz von Laptops und Smartphones zeitlich zu begrenzen. Doch diese Reglementierung allein scheint nicht ausreichend: Wirklich wichtige Maßnahmen, die das Wohlbefinden verändern können, muss jeder selbst einleiten, um folgendes Szenario zu vermeiden!

Bad case-Beispiel
Lesen, Malen, Schreiben und Wandern sind die Hobbys eines leitenden Verwaltungsangestellten, der im Dienst mit täglich circa sechs Stunden PC-Arbeit und seit Monaten mit folgenden Rahmenbedingungen klarkommen muss:

  • Zur Kostenreduzierung wird gemäß Entscheidung der Geschäftsleitung das ihm unterstellte Personal kontinuierlich abgeschmolzen;
  • gleichzeitig wird aber das bisherige Aufgabenspektrum erhöht und zusätzlich durch bürokratische Vorgaben vereinheitlicht.
  • Dies hat zur Folge, dass die verbliebenen Mitarbeiter/-innen immer unzufriedener werden; einige treten von sich aus die Flucht nach vorne an und gehen in die vorzeitige Berentung bzw. suchen sich eine neue Arbeitsstelle.
  • Eine Überlastungsanzeige des Angestellten wird seitens der Geschäftsleitung über Wochen ignoriert; nach etlichen Wochen führt eine fadenscheinige Mitarbeiter-Befragung zur Überprüfung des Sachverhalts zu dem Ergebnis, dass wohl eine Mehr-Belastung, aber beileibe keine Überlastung vorliege.

Während dieser Zeit kämpft der Angestellte mit nächtlichen Durchschlafproblemen, empfindet quälende Muskelverspannung in einem Bein, die nach mehreren Arztbesuchen und Einnahme von Medikamenten nicht besser werden. Flankierende Blutuntersuchungen ergeben einen chronischen Eisen- sowie Vitaminmangel bzgl. Vitamin B6, B12, D, E und K. In der Nacht von einem Samstag auf Sonntag spitzt sich die Krise zu: unerträgliche Rückenschmerzen; Liegen, Sitzen, Stehen und Gehen sind kaum mehr möglich. Der Orthopäde verordnet eine Magnetresonanztomographie (MRT), die einen doppelten Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule mit seitlicher Ausstrahlung, d.h. teilweiser Beinlähmung, bestätigt. Eine Therapie durch computergesteuerte Kortisoninjektion muss nach zweimaliger Anwendung abgebrochen werden, weil eine Thrombose in dem teilgelähmten Bein festgestellt wird. „Es tut mir sehr leid“ resümiert der Orthopäde, „aber damit bleiben nur noch konventionelle Behandlungsmethoden übrig!“ Im Klartext: Schmerztabletten, Massage, Bewegungstherapie. „Auch wenn es weh tut“ empfiehlt er, „Sie müssen laufen, laufen, laufen!“ Und der Angestellte hält sich eisern daran: Unter ständigen Schmerzen lernt er mit Hilfe des Physiotherapeuten in den kommenden Monaten wieder zu gehen, erst fünf Minuten, dann zehn, dann 20. In der subakuten Phase werden die Schmerzen zusätzlich zu den Medikamenten durch Akupunktur behandelt. Infolge einer Ernährungsumstellung normalisieren sich nicht nur allmählich seine Blutwerte, sondern er verliert darüber hinaus innerhalb von drei Monaten auch 12 Kilo Körpergewicht – sehr sinnvoll für eine Entlastung der Kniegelenke. Schließlich wird eine Reha, die die Rentenversicherung zunächst abgelehnt hatte, nach Widerspruch des Angestellten doch noch bewilligt. Im Dialog mit der Reha-Fachärztin und einem Psychologen wird allmählich klar: Bandscheibenvorfall und Vitamin-Mangel sind höchstwahrscheinlich Somatisierungen einer Erschöpfungs-Depression! Dringend empfohlen wird dem Angestellten ein Work-out, also mindestens dreimal pro Woche eine Stunde körperliches Auspowern sowie Pflege sozialer Kontakte, um seelische Spannungen herunterzufahren. Vor allem aber soll er das bisherige Leistungs- und Perfektionsstreben den realen Arbeitsbedingungen anpassen. Bildlich ausgedrückt: „Ein noch so guter Rennpilot kann mit einem Trabi niemals einen Silberpfeil einholen!“

Wirkliche Hilfe, früher zu Feierabend und Muße zu kommen, ist laut Freizeitmonitor 2015 u.a. die Erkenntnis, im Büro nicht unersetzbar zu sein oder dass E-Mails nicht immer sofort beantwortet werden müssen, ferner dem Kontaktzwang und Konsumstress bewusst entgegenzusteuern und auch mal gänzlich zu entsagen.

Dr. Lothar Greunke

* vgl. Krauß-Siemann, J.: Von der Freizeit zur Muße. Grundlagen und Perspektiven freizeitbewußter kirchlicher Praxis. Neukirchen-Vlynn 1989
** vgl. www.freizeitmonitor.de, Zugriff am 30.08.2015

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