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Gesundheits- und Pflegeberufe

Hilfe in Liberia: Zwischen Leben und Tod

In der „Severe Infection Temporary Treatment Unit“ (SITTU) in Monrovia wurden Patienten mit Verdacht auf Ebola oder andere Infektionskrankheiten aufgenommen. Bis Anfang März hatten sich insgesamt mehr als 300 Personen in der SITTU vorgestellt. Der Einsatz konfrontierte die freiwilligen Helfer der Bundeswehr und des Deutschen Roten Kreuzes immer wieder mit Extremsituationen und mit dem Tod. Inzwischen ist der Einsatz zu Ende, doch das aufgebaute Konzept der SITTU besteht und hilft weiter. Die Erlebnisse verarbeitete jeder auf eine andere Weise.

Rückblende
Andreas-Christian Tübler spricht die letzten Worte für einen Verstorbenen. Er liest einen Psalm, dann betet er gemeinsam mit den Angehörigen und Helfern ein „Vater unser“. Der Leichensack wird wieder verschlossen. Dies war die letzte Möglichkeit für die Angehörigen, den Verstorbenen noch einmal zu sehen. Die Umgebung wird desinfiziert, dann wird der Leichnam in einen Kühlcontainer gebracht, um wenige Stunden später beerdigt zu werden. So sind die vorgegeben Regularien in diesen schwierigen Ebola-Zeiten.

Nicht leicht, die richtigen Worte zu finden
Ein würdiger und doch bedrückender Abschied. Militärpfarrer Tübler musste in den letzten Tagen mehr Aussegnungen abhalten, als ihm lieb ist. Das kann man ihm auch ansehen. „Jeder Fall ist anders, und ich versuche, mich jeweils darauf einzustellen.“

Trauernde sind oftmals sehr verhalten oder auch aufgelöst, doch der Militärpfarrer weiß, dass es manchmal schon hilfreich ist, einfach da zu sein. „Jedes Mal versuche ich, die richtigen Worte zu finden.“ Er möchte Trost spenden und muss dazu die Situation, in der sich die Person befindet, aufnehmen. Dann drückt er seine Empfindungen mit einem tröstlichen Bibelwort aus. „Es kann dann passieren, dass das Bibelwort in dieser Situation ans Herz geht“, sagt der 58-Jährige.

Die Hauptaufgabe des Pfarrers ist es, sich um die Soldaten zu kümmern, die in Westafrika Bilder sehen, die sie aus ihrem täglichen Dienst nicht kennen. Zwar werden Ärzte und Pfleger in Deutschland auch mit Sterbenden und Toten konfrontiert, doch in dieser Intensität kennen das nur wenige.

Wechselbad der Gefühle
Auch für Oberstabsarzt Dr. Susanne H. ist das eine völlig neue Situation. Zu den Aufgaben der Truppenärztin aus Jever gehört es auch, den Tod offiziell festzustellen und den Leichnam für die Aussegnung vorzubereiten. „Das ist schwieriger, als ich gedacht habe, weil ich zu den Verstorbenen eine Beziehung aufgebaut habe.“ Zwar fühlt sich die 36-Jährige durch ihren Schutzanzug auch mental geschützt und empfindet die Situation der Patientenbehandlung dadurch als „abstrakt“. Doch spätestens, wenn sie allein ist, denkt sie über die Verstorbenen und über ihre Patienten nach.

Viele Patienten geheilt
„Bestimmte Momente bleiben doch sehr in meinem Kopf haften“, gesteht die Ärztin. Aber es gibt nicht nur die negativen Seiten. Der Großteil der Patienten wird als geheilt entlassen. Nicht selten stehen diese Patienten winkend und lachend am Tor und bedanken sich. „Diese Momente entschädigen für alles andere“, sagt Susanne H.

Militärpfarrer Tübler muss einen Blick dafür haben, ob sich Menschen verändern und ob sie seelischen Schwankungen unterliegen. „Dann werde ich das Gespräch suchen. Ich muss weich und empathisch bleiben, um einen individuellen Zugang zu anderen Personen zu erhalten.“

In vielen Gesprächen mit Soldaten hat er festgestellt, dass sie – bewusst oder unbewusst – durchaus ein Verhältnis zum Tod haben. Allein aufgrund der Auslandseinsätze und ihrer Profession machen sie sich Gedanken dazu.

Der Tod gehört zum Leben
Ganz gegensätzlich dazu ist Afrika. Der Kontinent ist lebendig, Afrika ist höflich und die Menschen sind intuitiver und spontaner. Sterben gehört hier zum Leben, so paradox sich das auch für europäische Ohren anhört. Der Tod ist hier ein Stück mehr Normalität als in Deutschland. Dem Militärgeistlichen, der sich zu Hause um die Standorte Appen und Heide kümmert, gefallen die regulären Gottesdienste. „Sie sind hier lebendiger und spontaner, es wird vor dem Arbeitstag gesungen und gebetet. Das gehört zur Kultur dieses Landes und es bereichert uns alle.“

Tübler mag die überschaubaren Einsätze und das familiäre Klima in ihnen. „Wenn man ein vernünftiges, offenes und kameradschaftliches Verhältnis pflegt, ohne sich dabei anzubiedern, dann kann ich damit viele erreichen.“ Er hat hier eine Zielgruppe, die sonst nicht mehr so leicht mit Kirche in Berührung kommt. „Ich empfinde einen Vertrauensvorschuss, den ich mir selbst nicht erarbeitet habe, sondern den die Funktion mit sich bringt. Das ist sehr schön und manchmal beschämend für mich“, so der Militärpfarrer.

Trotz der schwierigen Umstände in dieser humanitären Hilfsmission liebt er seinen Beruf: „Ich habe jetzt eine wunderbare Tätigkeit, die ich nie mehr missen möchte. Ich fühle mich in dieser Rolle so wohl, wie noch nie in meinem ganzen beruflichen Leben.“

Matthias Frank

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