// sie lesen ...

Logistik- und Verkehrsberufe

Neue Wege in der Logistik

Logistik sei Basis und Rückgrat wirtschaftlichen Wachstums und Handelns nicht nur im Westen, sondern auf der ganzen Welt, erklärt Autor Wolfgang Lehmacher eingangs im Vorwort seines im Springer Gabler Verlag erschienenen Buchs „Wie Logistik unser Leben prägt“, das den Stellenwert und Beitrag der Logistik für das Leben im 21. Jahrhundert behandelt. Das dritte Kapitel (S. 153–212 ) richtet sich eher an Führungskräfte, während die Kapitel eins und zwei (S. 1–152) in neues logistisches Denken einführen.

Logistik des 21. Jahrhunderts
Im ersten Kapitel gibt es anschauliche Beispiele für logistische Prozesse im Alltag. Der Autor erklärt grundlegende Begriffe, beschreibt Logistikdefinitionen und buchstabiert Lieferketten von 37.000 Kilometern Länge unter anderem anhand eines verkaufsfertigen T-Shirts. Für Einsteiger in das Thema Logistik ist auch der historische Rückblick interessant: Von den Bauwerken der Maya, den Pyramiden der Ägypter, der Seidenstraße, dem Aufstieg und Ableben Venedigs als mittelalterliches Handelszentrum sowie der Deutschen Hanse über die Erfindung des Dampfschiffes, des Flugzeugs und des Seecontainers bis zum Einzug der Informationstechnologie vermittelt der Autor geschichtliche Einblicke und erklärt anschließend angesichts aktueller globaler Herausforderungen und Probleme den Paradigmenwechsel in der Logistik.

Neues Paradigma
So fordert er ein Wertkettendenken, das sich nicht nur auf das eigene Logistikunternehmen bezieht, sondern auch alle beteiligten Kunden und Firmen kooperierend involviert. Als zweites Paradigma fokussiert der Autor unter dem Begriff „Lieferketten-Ökosystem“ an, dass in logistischen Prozessen keine Abfälle mehr enstehen. Dies gelinge, wenn die Logistikunternehmen Informationen über die Lebenszyklen der transportierten Produkte und Materialien erhielten und somit zur Rückführung und Wiederverwertung beitrügen. Drittens sei auch die Perspektive der Endkunden oder Empfänger auf eine Ware und deren Lieferung interessant. Als viertes Paradigma erklärt Wolfgang Lehmacher, dass Unternehmen auch die Interessen der durch logistische Prozesse beinträchtigten gesellschaftlichen Gruppen stets im Blick haben sollten („Stakeholder-Management“).

Entsorgungslogistik
Als Beispiel für das neue Paradigma nennt Wolfgang Lehmacher das deutsche Unternehmen „leergedruckt.de“. Es entsorgt in Zusammenarbeit mit DHL verbrauchte Computerdruckerkartuschen für die Endkunden umsonst. So beschäftigt sich das zweite Kapitel dann intensiver mit der Frage, wie konkrete gesellschaftliche Trends und Probleme dieser Zeit neue logistische Entwürfe fordern. Dabei geht es zunächst um Ressourcenknappheit und weitere grüne Logistikkonzepte: In Deutschland befänden sich rund 60 Millionen ausgemusterte Mobiltelefone in den Haushalten, weil nur fünf Prozent der Verbraucher ihre alten Geräte recycelten. Die darin enthaltenen Wertstoffe wie Kupfer, Silber, Gold, Palladium, Platin und seltene Erden gingen somit größtenteils verloren.

Der Problematik begegne in Deutschland das Unternehmen Zonzoo mit dem Angebot der bezahlten Rücknahme. In den USA gebe es dafür gar aufgestellte Automaten, die beim Einwurf eines alten Mobiltelefones Wertgutscheine ausgeben. Problematisch in Europa sei dabei, dass bisher nur wenige Spezialfirmen existierten, welche die in den Geräten enthaltenen seltenen Erden extrahieren könnten. Der Autor fordert nun ein stärkeres Miteinander der Logistik-Dienstleister und Recycler, zeigt darüber hinaus umweltschonende Transportoptionen auf und mahnt unter Verweis auf den Klimawandel zur nachhaltigen Logistik und zum Umdenken.

Klimaneutrales Liefern und Abholen
Im Hinblick auf umweltbelastende Großstädte und die eher auf anderen Kontinenten existierenden Megastädte (5–37 Millionen Einwohner) plädiert Wolfgang Lehmacher dafür, dass Politik, Wirtschaft und Architektur bereits punktuell erprobte Schemen wie klimaneutrale, abfallfreie Viertel und Siedlungen weiterverbreiten. Dies beinhalte auch einen klimaneutralen Liefer- und Abholverkehr für den Konsum der Stadtbewohner.

Dieses Buch spricht auch an, wie das Internet der Dinge die Logistik verändert, indem mit RFID-Transpondern ausgestattete Päckchen ihre Fahrt zum Ziel selbst organisieren durch die Kommunikation mit Fahrzeugen und die eigenständige Korrektur etwaiger Fehlverladung. Das Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund hat dieses System entwickelt, das auch in China Anklang findet. Dem Thema E-Commerce und seinem großen Gewicht für die Logistik widmet sich der Autor auch. Neue Roboter-Anzüge, die die Muskelkraft von Arbeitnehmern um 40 Kilogramm erhöhen, könnten in Zukunft auch in Transportunternehmen und Speditionen zum Einsatz kommen.

Logistik und Terrorgefahr
Die Gesamtausführung enthält auch einen Exkurs über Waren-Lieferketten und die kriminellen, terroristischen Bedrohungen des 21. Jahrhunderts. In einer großen Kluft zwischen Arm und Reich sieht Wolfgang Lehmacher eine Gefahr für sichere Warenströme. Nur wenn der Großteil der Bevölkerung würdig lebe und Arbeit habe, könne die Kriminalität zurückgehen. Eine weitere Gefahr sei politischer Extremismus, wie zum Beispiel in Form der Paketbombenanschlagsversuche auf europäische Politiker im Jahr 2010.

Logistische Infrastruktur stelle allgemein ein Ziel und Mittel islamistischer Terroristen dar, wie auch diverse Anschlagsversuche in Deutschland und ausgeführte globale Anschläge zeigten. So haben die EU und die USA sogenannte Sanktionslisten herausgegeben, die schwerkriminelle, terroristische Personen und Staaten vom Handel mit Firmen weltweit ausschließen.

In der EU bestehe für vertrauenswürdige Unternehmen im internationalen Handel die Option, einen sogenannten AEO-Status (Authorized Economic Operator) zu erlangen. Dies würde dann auf erleichterte Sicherheitskontrollen und vereinfachte Zollabwicklung hinauslaufen. Luftfracht aufgebende Logistiker, die diesen Status nicht haben, „gelten a priori als unsichere Versender, mit der Folge, dass deren Sendungen sicherheitstechnisch untersucht werden müssen.“ Die Anforderungen zum Erlangen des AEO-Status seien sehr hoch.

Weitere Themen
Zusätzliche Aspekte, die das Buch unter anderem behandelt, sind: versicherungsmäßiges Absichern und Risikoanalysen gegen Naturkatastrophen in einer global vernetzten Logistik, Notfallpläne für unvorhersehbare Pannen, die maßgebliche Rolle der Infrastruktur und des Verkehrsnetzes, die Senkung der Emissionen beim Transport, Aufwertung des Fahrerberufs mit besseren Arbeitszeiten und Gehältern, Abbau des Fachkräftemangels und umfangreiche Fragestellungen zur Unternehmensführung sowie zum Personalmanagement und vieles mehr. Autor Wolfgang Lehmacher spricht als Unternehmer, Führungskraft und Berater auch Missstände innerhalb der globalen Lieferketten kritisch an und befürwortet nachhaltige Produkte.

Ein vielschichtiges, lebhaftes Buch zum Themenkomplex Logistik, Wirtschaft und Gesellschaft mit zahlreichen Impulsen für sowohl Einsteiger als auch führende Insider.

Text: hmk

  • Infos zum Buch
    Wolfgang Lehmacher
    Wie Logistik unser Leben prägt. Der Wertbeitrag logistischer Lösungen für Wirtschaft und Gesellschaft.
    ISBN 978-3-8349-4295-1 (Print), auch als eBook erhältlich,
    Springer Gabler, 222 Seiten

Diskussion

Kommentare sind für diesen Beitrag nicht zugelassen.

Kommentare geschlossen.