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Gesundheits- und Pflegeberufe

Boreout – tödliche Langeweile im Beruf

In ihrem Buch „Diagnose Boreout“* beschrieben die Schweizer Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter R. Werder ein Syndrom, das zusehends in den Fokus rückt. Nach der Erwerbstätigenbefragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), eine Ressortforschungseinrichtung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, und des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB), eine national und international anerkannten Einrichtung zur Erforschung und Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung, waren im gleichen Jahr fast 14 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland davon betroffen. Und Boreout kostet Geld: Der gesamtwirtschaftliche Schaden in Deutschland soll sich auf über 250 Milliarden Euro belaufen, wie Rothlin und Werder aus regelmäßigen Gallup-Studien ableiten. Worum geht es? Hier ein typisches Beispiel:

Eine Mitarbeiterin sitzt jahrelang in ihrem Büro, zählt die Minuten bis zum Feierabend. Weil Surfen im Internet verboten und Bücher lesen zu auffällig ist, bildet sie sich schließlich im Do-it-yourself-Verfahren in EDV-Officeprogrammen weiter, zieht dann aber jede Schreibarbeit in die Länge und täuscht so Beschäftigung vor. Gegenüber Kolleginnen, die sie oft tagelang nicht anrufen und nur gelegentlich zum Gang in die Kantine abholen, behauptet sie dagegen, einen Berg an Aufgaben zu haben. Mitunter macht sie Überstunden, um ihr unproduktives Nichtstun zu verschleiern, denn sie weiß: Wer nur Löcher in die Luft starrt, riskiert die Kündigung.

Das Kunstwort „Boreout“ (wörtlich: Ausgelangweiltsein) steht für fachliche Unterforderung, chronische Langeweile (boredom) und Desinteresse im Beruf, wodurch ein Arbeitnehmer krank werden kann.

Schleichend verfestigen sich bei Betroffenen Verhaltensstrategien, die sie anwenden, um Auslastung bei der Arbeit vorzutäuschen: Lautstarke Betätigung der PC-Tastatur, während doch nur private E-Mails verschickt werden; taucht plötzlich der Chef auf, wird blitzschnell auf ein wichtiges Dokument am Bildschirm gewechselt; konzentriertes „Studium“ von Unterlagen, die darunter liegende Zeitschriften verdecken; Tarnung durch Ausstellung kompliziert aussehender Excel-Tabellen, während man tatsächlich Preisangebote für eine Privatanschaffung vergleicht. Echten Stress empfinden Boreout-Betroffene nicht, im Gegenteil. Sie sind auch nicht einfach nur faul. Der springende Punkt ist vielmehr die Wertschätzung, die man in vielen beruflichen Tätigkeiten nicht bzw. nicht mehr erhält.

Jahrelanges Boreout kann Symptome hervorrufen, die denen des Burnout-Syndroms, dem Ausbrennen infolge einer Überlastung durch Aufgaben, ähneln: Frustration, Lustlosigkeit, Antriebsarmut bis zur Apathie, Müdigkeit, Schlafstörungen, Gereiztheit, Gefühle der Wert- und Nutzlosigkeit, Depressionen, chronische Rückenschmerzen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Kopf- und Magenschmerzen sowie Tinnitus. Mögliche Folgeerscheinungen sind eskalierende Beziehungs- und soziale Konflikte, die in Trennungen und Isolation münden können.

Viele Arbeitnehmer betroffen
Besonders häufig betroffen sind Arbeitnehmer in Verwaltungs-, Büro- und Dienstleistungsjobs, im Finanzsektor sowie Beamte, an deren Arbeitsplätzen Aufgaben wegrationalisiert wurden oder durch EDV erledigt werden; weiterhin gehören zu den Risikogruppen Beschäftigte im Hotel- und Gaststättengewerbe – z.B. Zimmermädchen – oder in Verkehrsbetrieben – z.B. Busfahrer – sowie in Tätigkeiten mit monotonen Arbeitsvorgängen, wie etwa Warenprüfer in der Qualitätskontrolle. Praktiker, wie etwa Handwerker, so scheint es, sind von Boreout kaum betroffen: Ihre Arbeit – sei es Backen, Mauern, Schweißen usw. – ist nur authentisch ausführbar oder gar nicht.

Auch wenn die Zahl der Betroffenen weit verbreitet ist, ist Boreout ein Tabu-Thema, das nur scheinbar nicht in eine „Leistungsgesellschaft“ passt: Überbürokratisierung, die Standardisierung von Arbeitsabläufen nach mehr oder weniger sinnvollen Qualitätsmanagement-Konzepten; Auditierungen, die zum Selbstzweck werden und keine Verbesserungsimpulse aufgreifen; Regelungswut und Kontrollwahn selbst bei Nebensächlichkeiten – das ist die Kehrseite von postmodernen Großunternehmen und Behörden, die zu der paradoxen Situation kumulieren: Chefs tendieren zum Burnout, da sie wichtige Aufgaben nicht delegieren wollen, während ihre Mitarbeiter an Boreout leiden, weil sie nichts Interessantes mehr zu tun bekommen und keine Verantwortung tragen.

Was tun? Zunächst ist eine ehrliche Selbstanalyse unverzichtbar: Wie viel von dem, was ich tue, erfüllt mich mit Genugtuung? Wie viel ist Scheinarbeit? Was ist langweilig? Interessiert mich das, was ich will, eigentlich wirklich? Nur ein austarierter Mix von Sinn, Zeit und Geld schafft wirkliche Arbeitszufriedenheit. Boreout-Betroffene sollten in berechtigter Wahrnehmung ihrer Eigenverantwortung rechtzeitig das Gespräch mit ihrem Arbeitgeber suchen, aktiv Aufgaben einfordern, sich anbieten für neue Herausforderungen. Wichtig ist auch, sich einen geistig fordernden Ausgleich in der Freizeit zu suchen. Sind Job-Enrichment oder -Enlargement, die Versetzung in einen fordernderen Unternehmensbereich nicht möglich oder setzt der Arbeitgeber Boreout sogar gezielt als Bossing-Instrument ein, um unliebsame Mitarbeiter loszuwerden, bleibt als Ausweg nur die eigene Kündigung nach der Devise „Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende“. Denn eine therapeutische Behandlung ist häufig langwierig und verzögert letztlich nur einen Arbeitsplatzwechsel, wenn sich an den krankmachenden Ursachen nichts ändert. Entscheidend ist letztlich die Selbstinitiative: Als ein individuelles Phänomen kann Boreout nur aus eigener Kraft bewältigt werden. Tests zum Selbstcheck finden Interessenten unter:

www.focus.de/finanzen/karriere/ berufsleben/worklife/tid-6760/ bore-out_aid_65675.html
http://www.rtl.de/cms/ratgeber/ boreout-test-sind-sie-bore-out-gefaehrdet-machen-sie-den-test-3b84e-6e4e-23-983325.html

Text: Dr. Lothar Greunke
*) Quelle: Rothlin, Philippe/Werder, Peter R.: Diagnose Boreout. Warum Unterforderung im Job krank macht. München: Redline Wirtschaftsverlag 2007.

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