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Handwerk

Berufsorientierung für Gymnasiasten

In Rheinland-Pfalz ist durch Verwaltungsvorschrift des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur vom 18. November 2011 (Az 941 D-03111- 0/35), in Kraft gesetzt am 1. Februar 2012, geregelt, dass Schulen aller Schularten im Rahmen regionaler Netzwerke mit Kammern, Arbeitsagenturen, freien Trägern sowie Hochschulen zusammenarbeiten. Weitere Netzwerkbeteiligte können kommunale Beiräte für Migration und Integration, Migrantenorganisationen, Migrations- sowie Integrationsfachdienste sein. Schullaufbahnberatung, Berufswahl- und Studienorientierung sind die alle Akteure verbindende Klammer, um ein über mehrere Schuljahre angelegtes, systematisches Konzept zu erstellen. Aus diesem Konzept sind schulische und außerschulische Maßnahmen abzuleiten, in einer jährlichen Zielvereinbarung zu konkretisieren und diese zu evaluieren. Auf diesem Wege soll das Gebot der Landesverfassung umgesetzt werden, jedem jungen Menschen zu einer Ausbildung zu verhelfen, die seinen Begabungen, Fähigkeiten und Interessen entspricht.

Vor diesem Hintergrund ist eine in 2012 begonnene Kooperation zwischen dem Bad Kreuznacher Gymnasium Am Römerkastell, der Kreishandwerkerschaft Rhein-Nahe-Hunsrück und der Handwerkskammer (HwK) Koblenz zu sehen. In 2012 hatte die Schule ein dreitägiges Projekt „Berufsorientierung“ konzipiert, in dem u.a. vorgesehen waren:

  • Berufsinfo: Wege nach der 10. Klasse
  • Internetrecherche: Berufsfindung
  • Berufswahlportfolio
  • Einstellungs- und Bewerbungstest sowie
  • Bewerbungsschreiben.

An zwei Vormittagen sollten darüber hinaus 99 Schüler und Schülerinnen aus sechs neunten Klassen zu einer „Betriebserkundung“ in das HwK-Berufsbildungszentrum Bad Kreuz-nach. In Abstimmung mit Studiendirektor Ralf Schäfer, wurden hierfür jeweils zweistündige Parallelunterweisungen an drei Stationen à 30 Minuten Dauer vorbereitet:

  • Station 1: Filmpräsentation und -diskussion „Aktion Superkönner“
  • Station 2: Ausbildungsberatung, Betriebsassistenten-Modell der HwK Koblenz, Stiftung Begabtenförderung im Handwerk
  • Station 3: Rundgang durch Werkstätten des HwK-Zentrums und Info-Bus der HwK.

Das von den Schülern und Schülerinnen erhobene Feedback zu der „Betriebserkundung“ war klar und deutlich: Information ist gut, Praxis wäre besser! Im Unterschied zu Förderschulen oder Realschulen Plus gibt es nämlich kein Fach „Arbeitslehre“ an Gymnasien, und ein Berufspraktikum ist nicht an allen Gymnasien obligatorisch.
Das Feedback wurde ernst genommen und bildete Grundlage für eine Modifizierung. In 2013 waren es 75 Schüler und Schülerinnen aus fünf neunten Klassen, die bei dem „Berufsvorbereitungsprojekt“ an drei Vormittagen in das HwK-Zentrum kamen und mindestens zwei Berufe praktisch kennenlernten. Diesmal lautete das Programm zwischen 8 und 12 Uhr kurz und bündig:

  • Metallbau
  • Gas-Schweißen
  • Goldschmieden
  • Pkw-Pannenhilfe
  • Mauern bzw. Straßenbau
  • Zimmern.

Die Rückmeldung war auch diesmal klar und deutlich: Ja, die „Schnupperpraktika“ haben gefallen! Die Ausbildungsmeister andererseits waren beeindruckt von Interesse, Leistungswillen, Fleiß und Fröhlichkeit der Gymnasiasten.

Fazit einer Nachbereitung von Schulleiter Hermann Bläsius, Ralf Schäfer, Hauptgeschäftsführer Gerhard Schlau von der Kreishandwerkerschaft und dem HwK-Zentrum:

1. Beobachtbare Trends:

  • immer mehr Gymnasiasten verlassen bereits nach der 10. Klasse die Schule, weil sie nicht mehr „können“ oder „wollen“
  • andere absolvieren zwar das Abitur, wollen aber nicht studieren
  • wieder andere wollen vor dem Studium über eine Lehre Berufspraxis erwerben
  • die Leistungsstärksten absolvieren ein duales Studium, bei dem der Gesellenbrief- und das Bachelor-Diplom zugleich erworben werden.

2. Handwerk ist keine Sackgasse

  • In Rheinland-Pfalz ist der Gesellenbrief einem Fach-Abitur mit analoger Studienberechtigung gleichgestellt,
  • die Meisterprüfung dem Vollabitur mit allgemeiner Studienberechtigung

3. Handwerk verlangt komplexe Fähigkeiten, u.a.

  • manuelles Geschick
  • Wissen über Werkstoffe, Werkzeuge und Verarbeitung
  • Konstruktions- und Planungsvermögen
  • Bedienung von High-Tech-Anlagen.

Am Ende wurde beschlossen, 2014 in der bewährten Form weiterzumachen.

Dr. Lothar Greunke

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