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Soldatenberuf und Lebensgemeinschaft

Soldaten haben es schwer, nachhaltige Lebensgemeinschaften aufzubauen bzw. zu erhalten. Weshalb das so ist, darauf können Berufs-, Familien- und Militärsoziologie Antworten geben.  1984 hatte ich unter dem Titel „Offizierberuf und Ehe“ über dieses Thema an der Bundeswehrhochschule (heute: Helmut-Schmidt-Universität) Hamburg promoviert und u. a. die These vertreten, dass traditionelle Arrangements von Lebensgemeinschaften bessere Konfliktregelungen ermöglichen könnten als moderne, auf Selbstverwirklichung ausgerichtete. Vieles hat sich in den zurückliegenden Jahren geändert: Der Dienst von Frauen in der Bundeswehr ist nach dem sogenannten „Kreil-Urteil“ des EuGH vom 11. Januar 2000 (C-285/98) zum Normalfall geworden; dann hat sich die Bundeswehr zu einer weltweit operierenden Einsatzarmee entwickelt und fundamental umorganisiert; schließlich wurde zum 1. Juli 2011 die Wehrpflicht ausgesetzt. In Deutschland ist die Zahl von Singles und Alleinerziehenden ständig gestiegen; nur noch 20 Prozent der Frauen zwischen 40–44 Jahren bringen zugunsten von Beruf und Karriere ein Kind zur Welt; Elternzeit, das Anrecht auf Kita-Plätze sowie Betreuungsgeld werden als Errungenschaften der neueren Familien- und Sozialpolitik gefeiert; in erschreckendem Ausmaß haben sich aber auch Entwicklungs- und Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen verbreitet.

Beruf und Lebensgemeinschaft
Das Gelingen von Beruf und Lebensgemeinschaft hängt unverändert davon ab, wie die Partner Beruf und Beziehung untereinander arrangieren. Die demografische Entwicklung der letzten Jahrzehnte wirft zwangsläufig die Frage nach dem aktuellen Wert konservativer Modelle wieder auf: Inwieweit hat sich das Hausfrauen/-mann-Dasein, gesellschaftlich durchgesetzt? Wie steht es um die tatsächliche Familienfreundlichkeit von Unternehmen? Kann eine Partnerschaft wirklich noch bei Berufsproblemen, wie z. B. ständiger Erreichbarkeit oder Burn-out, entlasten? Die Antworten variieren wahrscheinlich nach Branche, Beruf und individuell. Mit Sicherheit aber nehmen die Eigentümlichkeiten des Soldatenberufes Einfluss auf das Arrangement von Beruf und Lebensgemeinschaft. Denn „Soldat“ ist kein Beruf wie jeder andere.

Eine repräsentative Umfrage der TU Chemnitz im Auftrag des Deutschen Bundeswehrverbandes (DBwV) hat sowohl bei militärischen wie auch zivilen Führungskräften der Bundeswehr in 2012/13 eine übereinstimmende Einschätzung der inneren Situation erhoben. Überwiegend wird die Auswirkung der Neuausrichtung auf die Motivation des Personals als negativ/sehr negativ beurteilt; nur circa 17 Prozent würden nahe stehenden Personen (z. B. Kindern) den Dienst in den Streitkräften empfehlen, während rund 80 Prozent großen/sehr großen politischen Handlungsbedarf zur Wahrnehmung der Bundeswehr in der Gesellschaft sehen.

Der Faktor Berufsposition
In meiner Dissertation hatte ich die Kompaniechefs des Heeres als relevante Stichprobe für den Soldatenberuf ausgewählt, weil das Heer die größte Teilstreitkraft darstellte und die Führungsebene „Einheitsführer“ bei den Offizieren*) mit 60 Prozent dominierte. Bekannt war, dass die Chefs überwiegend aus Beamtenfamilien stammen, über das Abitur verfügen und vor Diensteintritt überwiegend keinen Zivilberuf erlernt haben. Meist Berufsoffiziere, waren 91 Prozent der Chefs liiert mit Frauen aus traditionellen Rekrutierungsschichten, die oft keinen Beruf ausübten. Bei einem derzeitigen Frauenanteil in der Bundeswehr von circa acht Prozent werden die damaligen Zahlen ihre tendenzielle Aussage bis heute nicht verloren haben. Die Chefposition wird im Wesentlichen bestimmt von den Funktionen: Führen, Ausbilden, Erziehen, Kontrollieren, Sanktionieren. Von durchschnittlich 50 Stunden Wochenarbeitszeit fallen allerdings mehr als die Hälfte für „verwaltende“ Tätigkeiten an. Aufgrund ihres monatlichen Bruttoeinkommens von durchschnittlich 3879 Euro zählen Chefs heute zu jenen 34 Prozent der Haushalte, die monatlich zwischen 2600–5000 Euro verdienen. Im Unterschied zu 90 Prozent dieser Einkommensschicht arbeiten sie dafür aber rund zehn Wochenstunden länger. Rollenerwartungen an die Chefposition sind wesentlich von dem historisch überlieferten Berufsbild bestimmt: Nicht Ritter, sondern Söldnerführer des 16./17. Jahrhunderts, strukturell geprägt vom Absolutismus.

Heutige Berufsanforderungen sind: Bildung und fachliches Können, Urteilsvermögen und Entschlusskraft, Engagement und Kritikfähigkeit, Loyalität und Kameradschaft sowie Bereitschaft zur Mobilität. Bataillonskommandeure als direkte Vorgesetzte erwarten in fast ausschließlich unpersönlich-sachlichen Forderungen zunächst das Funktionieren der Militärorganisation. Demgegenüber beurteilen die Kompanieangehörigen ihren Chef vorwiegend nach „menschlichen“ Qualitäten (Verständnis, Charakter usw.) und tragen an ihn vielfältige und persönliche Erwartungen heran. Erfüllt er sie nicht, wird dies mit abweisendem Verhalten sanktioniert. Die Gegensätzlichkeit dieser Erwartungen bringt Chefs in permanente Intra-Rollenkonflikte, die sie individuell nur dadurch regeln können, dass sie eigene Rollenvorstellungen entwickeln und verwirklichen. Idealtypisch sind etwa: Anpassung nach „oben“, Anpassung nach „unten“ oder pragmatische Entscheidung. Für alle Typen lassen sich immanente Leitbilder, Autoritäts- und Disziplinarauffassungen verifizieren. Rollenerwartungen und -interpretation manifestieren sich im Rollenverhalten, das als bürokratischer, personaler oder kooperativer Führungsstil bestimmbar ist.

Der Faktor Lebensgemeinschaft
Lebensgemeinschaft bzw. Ehe bilden den Kern der Familie, deren heutige westeuropäische Form in hebräischen, griechischen und römischen Traditionen wurzelt und durch das Frühchristentum eine ideologische Grundlage erhielt. Urbanisierung, Geld- und Lohnabhängigkeit sowie Funktionsverlust im 19. Jahrhundert haben das traditionelle Familienbild entscheidend gewandelt und als Ergebnis die Kernfamilie mit nur noch Eltern und Kindern hervorgebracht. Weiterhin hat der Wandel der weiblichen Geschlechterrolle die „offene Ehe“ (O´Neill) als „neuen Typus der Monogamie“ hervorgebracht.
Im Unterschied zu anderen Gruppen bietet die Kernfamilie durch ihre Struktur zumindest quantitativ die Chance, dass Beziehungen aller Mitglieder zueinander realisiert werden, sehr intensiv sein und bestehen bleiben können. Die familialen Positionen sind durch Geschlechts- und Generationsunterschiede gekennzeichnet. Das Besondere an den Interaktionen der Familienmitglieder besteht darin, dass alle sozialen Rollen simultan auszugestalten sind. Heute übt die Kernfamilie primär folgende Funktionen aus: Produktion und Sozialisation menschlichen Nachwuchses, Vermittlung von Sozialchancen sowie Ausgleich von emotionalen Spannungen aufgrund von Anpassungszwängen.

Beziehungskonflikte sind in jeder Lebensgemeinschaft zur Sicherstellung von Kontinuität notwendig. Latente Quellen sind: Aggressions- und Verteidigungsmechanismen, Angst und Verdrängung, Anpassung durch Rückzug oder Flucht in die Krankheit. Trennung bzw. Ehescheidung sind die letzte Konsequenz aus nicht zu regelnden Konflikten. Über alle statistisch erfassten Scheidungsursachen liegt der wahre Grund aber stets im Zusammenbruch der Beziehungen und Gefühle, die ursprünglich zum Beschluss eines Zusammenlebens auf Dauer geführt haben. Zwischen den Ursachen für eine gescheiterte Beziehung und den Kriterien für die Partnerwahl besteht indes ein enger Zusammenhang.

Soldat und Lebenspartner
Beide Faktoren zusammen ergeben für liierte Soldaten eine charakteristische Konfliktfolie:

  • Unregelmäßige Dienst- und hohe Spitzendienstzeiten sowie regelmäßige Auslandseinsätze bedeuten eine sehr häufige Abwesenheit von der Familie. Verwundungen im Auslandseinsatz und/oder posttraumatische Belastungsstörungen nach Rückkehr aus dem Einsatz werden zur Zerreißprobe. Ein starker Anstieg gescheiterter Soldatenbeziehungen in den letzten Jahren verwundert daher nicht.
  • Gemessen an der Arbeitszeitbelastung sind Soldatengehälter im Vergleich zu übrigen Erwerbstätigen der gleichen Einkommensklassen weiterhin unterdurchschnittlich. Ist der Soldat überdies Alleinverdiener, verfügt die Familie über ein relativ niedriges Familieneinkommen. Teilweise gehen deshalb selbst Unteroffiziere und Offiziere einem Zweitberuf nach, um Unterhaltspflichten erfüllen zu können.
  • Unablässig schwelt dazu im Berufsalltag der Rollenkonflikt bei der Austarierung von Vorgesetzten-Erwartungen und eigenen Rollenvorstellungen – immer wieder neu im Takt von Versetzungen und regelmäßigen Wechseln der Vorgesetzten.
  • Jederzeitige Versetzbarkeit von Soldaten mit ihren Familien bedeutet folgende Risiken:
    • Entwurzelung aufgrund verkümmernder sozialer Beziehungen
    • erhöhte Aggressivität bei Partnerschaftskonflikten
    • Be-/Verhinderung der Berufstätigkeit des Partners/der Partnerin infolge häufiger Arbeitsplatzwechsel
    • Verarmung und Ghettoisierung bei Versetzung in Städten mit teuren Wohn- und Lebenshaltungskosten
    • starke Beeinträchtigung bei Erwerb und Nutzung von Wohneigentum
    • außerfamiliale Einflüsse auf Soldatenkinder in Richtung emanzipatorisches Geschlechtsrollenleitbild lassen beim Generationenkonflikt zwischen Eltern und Kindern einen permanenten Krisenherd vermuten
    • schulische Misserfolge von Soldatenkindern durch häufige Schulwechsel und
    • abweichendes Verhalten aufgrund frustrativer Erfahrungen.

Da bei Unteroffizieren die regelmäßige Versetzungshäufigkeit weniger stark ausgeprägt ist wie bei Offizieren – ausgenommen die im Zuge der Neuausrichtung erforderlichen Standortwechsel – ist das bei ihnen zu erwartende Konfliktspektrum schmaler.

Konsequenzen
Die Entscheidung für den Soldatenberuf betrifft immer also auch Partner/-in und Kinder mit und sollte deshalb von Vornherein mit dem Partner/der Partnerin abgestimmt werden. Die angesprochenen Risiken müssen in ihren Auswirkungen von Beginn an allen Betroffenen nicht nur hypothetisch, sondern real bewusst sein. Die überzeugte Bereitschaft, mögliche Konfliktauswirkungen aufzufangen und unter Umständen auf eine eigene Berufskarriere oder Kinder zu verzichten, ist Vorbedingung für ein tragfähiges Partnerschaftsarrangement. Einerseits ist die Bundeswehr laut Prof. Harald Müller, Direktor der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, in einer „beschränkten, nebensächlichen“ Rolle gesellschaftlich zwar anerkannt, andererseits wird diese Rolle aber dem Selbstverständnis der Soldaten, die auf politischen Befehl eventuell ihr Leben riskieren, nicht gerecht.

Ob „desinteressierte Sympathie“ für die Bundeswehr als gesellschaftliche Verankerung und zum Erhalt ihrer Bündnisfähigkeit in Zukunft ausreichen wird, mag bezweifelt werden.

*) Die Begriffe „Soldat“, „Unteroffizier“, „Offizier“, „Kompaniechef“, „Chef“ usw. schließen heutzutage selbstverständlich immer auch weibliche Rolleninhaber ein.

Foto: Bundeswehr/Stollberg

Autor: Dr. Lothar Greunke

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