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Handwerk

Schweißtechnische Qualifizierung in Europa

Eine Chance für ehemalige Zeitsoldaten: Schweißtechnisches Fachpersonal wird heute gesucht wie nie! Dies resultiert aus der Vielfalt der Anwendungsbereiche im Metall-, Stahl-, Fahrzeug- und Schiffbau, Behälter-, Kessel-, Apparate- und Maschinenbau, Kran-, Brücken- und Rohrleitungsbau. Hohe Sicherheit, Flexibilität und Wirtschaftlichkeit haben Schweißen als Fügetechnik in Industrie und Handwerk fest verankert (s. u: Foto 1).

Während sich die äußere Qualität von Schweißnähten durch Sichtprüfungen einfach ermitteln lässt, werden für die innere Bewertung zerstörungsfreie Prüfungen benötigt, die aufwändig und teuer sind, wie z. B. Röntgen- oder Ultraschallprüfungen. Bei verschiedenen Verbindungen sind Bewertungen überhaupt nicht mehr möglich, deshalb gilt Schweißen in der Technik als „Spezieller Prozess“. Grundvoraussetzung ist deshalb der Einsatz von geprüften Schweißern, wie sie ihn etwa die Bauaufsichtsbehörde bei der Herstellung geschweißter Stahlbauten – Treppen, Geländer, Vordächer oder Stahlhallen – fordert. Erst dadurch wird auch die Herstellerqualifikation nach DIN 18800 Teil sieben gewährleistet! Ähnliches gilt für Schweißarbeiten im Behälter-, Apparate- und Rohrleitungsbau sowie nach Kundenforderung. Weitere Regelwerke, die geprüfte Schweißer fordern, sind u. a.:

  • ISO 9000    Qualitätsmanagement
  • ISO 3834    Schweißtechnische Qualitätsanforderungen
  • GW 330      Schweißen von erdverlegten Gasleitungen aus Kunststoff oder
  • EN 15085    Schweißen im Schienenfahrzeugbau.

In Deutschland ist in allen Bereichen der Fügetechnik, Klebetechnologien, Beschichtungs- und Trennverfahren der DVS als technisch-naturwissenschaftlicher Fachverband aktiv. Gegliedert in 14 Landes- und 81 Bezirksverbände, betreibt er bundesweit ca. 400 Bildungseinrichtungen zur Aus- und Weiterbildung von fügetechnischem Fachpersonal, Erarbeitung von Bildungs- und Prüfungsinhalten sowie Regelung von Prüfung/Zertifizierung des Fachpersonals und Qualitätssicherung von Unternehmen. Bei den Bildungseinrichtungen werden – je nach personeller und sächlicher Ausstattung – unterschieden: Kursstätten, Schweißtechnische Lehranstalten (SL) sowie Schweißtechnische Lehr- und Versuchsanstalten (SLV). Seine Einrichtungen gelten als „staatlich anerkannte Stellen“ und überwachen im Auftrag von Bauaufsichtsbehörden und Prüfungsinstitutionen die fachgerechte schweißtechnische Ausführung von Konstruktionen und Bauwerken. Nach DVS-Richtlinien erfolgte die schweißtechnische Qualifizierung in Deutschland bis 1990 nach DIN 8560/61, in Europa seit 1990 nach DIN EN 287 der EWF (= European Federation for Welding, Joining and Cutting), weltweit nach internationalen Normen des IIW (= International Institute of Welding).

Nachstehend ein aktueller Überblick über die Qualifizierung von schweißtechnischem Personal nach Richtlinie DVS®-IIW/EWF1111 (zu den Fotoverweisen des Schaubildes s. u.):

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Das europäische Qualifizierungssystem zur Standardisierung bei Ausschreibungen sowie zum Vergleich:

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Die einzelnen Module dauern – je nach Prozess und Qualifikationshöhe – zwischen ein bis vier Wochen und schließen mit Schweißerprüfbescheinigungen ab, die etwa geregelt sind nach:

  • DIN EN 287-1 für Stahl
  • DIN EN 287-6 für Gusseisen
  • DIN EN ISO 9606-2  für Aluminium
  • DIN EN ISO 9606-3  für Kupfer/-legierungen
  • DIN EN ISO 9606-4 für Nickel/-legierungen
  • DIN EN ISO 9606-5 für Titan/-legierungen und Zirkonium/-legierungen
  • DIN EN ISO 17660 für Betonstahl
  • DGR für Schweißerprüfungen nach Druckgeräterichtlinie.

Die Prüfungen werden in Europa nach folgender Bezeichnung dokumentiert (Beispiel):

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In dem Beispiel bedeuten:
1)    Prüfnorm (hier: EN 287-1 = Prüfung von Schweißern, Stahl)
2)    Schweißprozess (hier: 141 = WIG-Schweißen)
3)    Halbzeug (hier: T = Rohr)
4)    Nahtart (hier: BW = Stumpfnaht)
5)    Werkstoffgruppe nach CR ISO 15608 (hier: 8 = austenitischer, nichtrostender Stahl)
6)    Schweißzusatz (hier: S = Massivstab)
7)    Dicke des Prüfstücks (hier: t3,6 = Materialdicke in mm)
8)    Rohrdurchmesser (hier: D60 = Rohrdurchmesser in mm)
9)    Schweißposition (hier: PF = Stumpfnaht am Rohr, Rohr fest, Achse waagerecht)
10)  Schweißnahtausführung (hier: ss = einseitiges Schweißen, nb = Schweißen ohne Badsicherung)

Abhängig von Einzelkriterien schließen bestimmte Prüfberechtigungen andere mit ein, z. B.:

  • Rohrprüfung schließt Blechprüfung ein
  • bestimmte Werkstoffgruppen schließen andere ein
  • größere Werkstückdicken schließen geringere ein
  • größere Rohrdurchmesser schließen kleinere ein.

Derzeit ist eine erworbene Schweißerprüfung regelmäßig für zwei Jahre gültig, sofern in dieser Zeit mindestens sechs Monate die durch die Prüfung berechtigten Schweißarbeiten ausgeführt werden. Nach Ablauf dieser Frist ist eine Wiederholungsprüfung erforderlich.

Für ehemalige Zeitsoldaten, die nach Beendigung ihrer Militärzeit eine gewerblich-technische Tätigkeit in Industrie oder Handwerk anstreben, bietet die Aus- und Weiterbildung zum Schweißer oder zur Schweißaufsichtsperson (Schweißfachmann, Schweißwerkmeister, Schweißfachingenieur) sehr gute Optionen. Um die Kosten für eine entsprechende Qualifizierung sparsam zu kalkulieren, ist entscheidend wichtig, mit dem künftigen Arbeitgeber den genauen Anwendungsbereich einzugrenzen und die Qualifizierung auf genau diesen Anwendungsbereich auszurichten.

Dr. Lothar Greunke

Foto 1 – geschweißte Rohrdurchführung durch Kombination von Metallbau- und Fügetechniken:

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Foto 2 – Beispiel Autogenschweißen – an einem Stahlrohr vom Durchmesser 60 mm wurde durch Gasschweißen ein Rohrstutzen mit 33 mm Durchmesser angesetzt:

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Foto 3 – Beispiel Lichtbogenhandschweißen mit Kehlnaht und zwei Stahlblechen:

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Foto 4 – Beispiel Metallschutzgasschweißen mit zwei Stahlblechen (MAG-Schweißen):

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Foto 5 – Beispiel Wolfram-Inertgasschweißen: Anfertigung eines Druckbehälters:

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Fotos 1–5: Dr. Greunke

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