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Weltethos als Alternative zum „Kampf der Kulturen“

„Globalisierung“ nennen wir den Prozess der Vernetzung von weltweit fast 200 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen (UN). Er betrifft u. a. auch Deutschland hinsichtlich seiner Gestaltung der Außen-, Sicherheits-, Wirtschafts- und Entwicklungspolitik. Diese Gestaltung erfolgt nach Analyse von Altbundeskanzler Helmut Schmidt im 21. Jahrhundert vor dem Hintergrund „größter Gefahren“, und zwar:
– Bevölkerungsexplosion
– Erderwärmung und Umweltverschmutzung
– Häufung regionaler Kriege
– Beschleunigung von Waffenproduktion und -handel
– Zusammenprall widerstreitender Nationalismen, religiöser Fundamentalismen und Terrorismen.

Schon 1993 hatte der US-Politologe Samuel Huntington deshalb vor einem unausweichlichen „Krieg der Kulturen“ gewarnt. Seiner Prognose entgegen setzt sich als Alternative immer stärker ein Paradigmenwechsel – weg von polarisierender Konfrontation, hin zu einigender Kooperation durch –, dem die Einsicht zugrunde liegt, dass wir entweder zusammen untergehen werden oder gemeinsame ethische Standards entwickeln müssen, um zu verhindern, dass die Menschheit in egoistische Individuen atomisiert und im politischen Chaos von Interessenkonflikten versinkt.

Werte, Normen, Ziele und Visionen des Zusammenlebens der Menschen und Kulturen werden maßgeblich von den großen Weltreligionen: Buddhismus, Konfuzianismus, Judentum, Christentum und Islam geprägt. Der gemeinsame Werte-Querschnitt dieser Weltreligionen ist das, was Hans Küng „Weltethos“ nennt. In einer von ihm mitentwickelten „Erklärung zum Weltethos“ des Parlaments der Weltreligionen, die am 4. September 1993 in Chicago von über 6.000 Delegierten – allen voran der Dalai Lama – unterzeichnet wurde, ist als ethischer Grundbestand aller Religionen und Kulturen anerkannt:

  1. das Humanitätsgebot der Menschenwürde
  2. die „Goldene Regel“: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.
  3. die Verpflichtungen auf eine Kultur der
    a) Gewaltlosigkeit und Ehrfurcht vor allem Leben
    b) Solidarität und gerechten Wirtschaftsordnung
    c) Toleranz und des Lebens in Wahrhaftigkeit
    d) Gleichberechtigung und Partnerschaft von Mann und Frau.

In gleicher Linie liegen auch zwei Initiativen des InterAction Council von Elder Statesmen, dem u. a. auch Helmut Schmidt angehört. Von dem Council wurde zunächst im Mai 1996 eine Erklärung unter dem Titel veröffentlicht: „Die Notwendigkeit globaler ethischer Maßstäbe“; am 1. September 1997 dann der Entwurf einer „Allgemeinen Erklärung der menschlichen Verantwortlichkeiten“ dem UN-Generalsekretär zugestellt. Die Dokumente stellen den universellen Menschenrechten korrespondierende Menschenpflichten gegenüber.

Die Magna Charta des Weltethos stellt den Minimalkonsens oder ethischen Kompass für das Zusammenleben aller Menschen, religiöse und nichtreligiöse, in einem dauerhaften Weltfrieden dar. Sie richtet sich an Bundeswehrsoldaten in Auslandseinsätzen ebenso wie an Konzernchefs als Global Player in der Weltwirtschaft und an unsere Politiker.

Zwei Jahre nach der Weltethos-Erklärung wurde 1995 von Hans Küng in Tübingen die Stiftung Weltethos ins Leben gerufen, zu der der Industrielle Graf Karl Konrad von der Groeben das notwendige Kapital bereit stellte. Die Stiftung sollte der Verbreitung der Weltethos-Idee dienen. Ihr Ziel war es, Küngs Programmatik durch interkulturelle und interreligiöse Forschung, Lehre und Begegnung zu transferieren und umfasst die Maxime:

  • Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen
  • Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen
  • Kein Dialog zwischen den Religionen ohne gemeinsame ethische Werte und Standards
  • Kein Dialog zwischen den Religionen ohne Grundlagenforschung in den Religionen.

1996 wurde eine weitere Stiftung in Zürich/Schweiz gegründet, es folgten Tschechien, Österreich, Kolumbien, Mexiko und Brasilien. Die Aktivitäten der Stiftungen werden in ihren Jahresberichten auf der Website www.weltehos.org veröffentlicht.

Eine Expertengruppe der Stiftung Weltethos, bestehend aus Wirtschaftswissenschaftlern, Unternehmern und Ethikern, erarbeitete in 2009 ein „Manifest Globales Wirtschaftsethos. Konsequenzen für die Weltwirtschaft“, das den Inhalt eines Weltwirtschaftethos präzisiert. Hintergrundinformationen und Kommentare finden sich unter www.globaleconomicdthic.org im Internet. Damit haben Wirtschaftsführer, Unternehmer, Investoren, Kreditgeber, Mitarbeiter, Kunden, Konsumenten, Verbände und Gewerkschaften in allen Ländern der Welt einen Maßstab, an dem sich Unternehmenspraxis und -ziele messen lassen. Zu den 21 Erstunterzeichnern gehörten u. a. Margot Käßmann und Karl Kardinal Lehmann.

2011 wurde von der Stiftung an der Universität Tübingen ein wissenschaftliches Institut Weltethos (WEIT) errichtet, das zum Sommersemester 2012 seine Arbeit aufgenommen hat. Impulsgeber und Finanzier war der süddeutsche Unternehmer Karl Schlecht. Zweck des Institutes ist laut Satzung die „Grundlagenforschung und Lehre zur wissenschaftlichen Fundierung der Idee eines Weltethos in der Gesellschaft und globalen Wirtschaft im Sinne einer Förderung des Dialogs der Religionen und Kulturen gemäß den Arbeitsfeldern der Stiftung“.

Altbundespräsident Horst Köhler hatte im April 2012 zunächst zugesagt, die Nachfolge des mittlerweile 84-jährigen Hans Küng als Stiftungspräsident ab April 2013 zu übernehmen, die Zusage dann aber wegen anderweitiger Verpflichtungen im Januar 2013 widerrufen. Nun soll im Sommer 2013 der Präsident des Staatsgerichtshofes Baden-Württemberg, Eberhard Stilz, die Stiftungspräsidentschaft antreten.

Dr. Lothar Greunke

Quellen:
KÜNG, Hans: Handbuch Weltethos. Eine Vision und ihre Umsetzung. München 2012
SCHMIDT, Helmut: Religion in der Verantwortung. Gefährdungen des Friedens im Zeitalter der Globalisierung. Berlin 2012

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