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Gesundheits- und Pflegeberufe

Arbeitssicherheit – betriebliches Gesundheitsmanagement

Mittlerweile ist der so genannte „demografische Wandel“ in den Betriebsalltag der deutschen Unternehmen durchgedrungen! Aus den Medien sind einzelne Trends hinlänglich bekannt: Zunehmend fehlt der Fachkräftenachwuchs, insbesondere in der gewerblichen Technik; zunehmende Personalfluktuation aufgrund von Konkurrenzangeboten; zunehmendes Durchschnittsalter der Belegschaften; zunehmend krankheitsbedingte Fehltage, auffällig dabei vor allem aufgrund von psychisch bedingten Erkrankungen (Stress, Burn-out); zunehmende Frühberentung vor Erreichen der zuletzt auf 67 Jahre angehobenen gesetzlichen Lebensarbeitszeit. Diskutiert wird bereits deren Anhebung auf 70 Jahre; zunehmend müssen die, die noch „da“ sind, strukturell bedingte Mehrarbeit miterledigen. Dadurch steigt die Arbeitsbelastung, und die Spirale dreht sich von neuem! Immer häufiger fällt in diesem Zusammenhang die Forderung nach einem betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM). Was ist damit gemeint?

BGM umfasst die gesundheitsförderliche Gestaltung, Lenkung und Entwicklung betrieblicher Strukturen und Prozesse mit dem Ziel, Belastungen für die Beschäftigten zu reduzieren und persönliche Ressourcen zu stärken. Die Grundidee ist ein Win-Win-Modell: Geht es den Beschäftigten gut, ist auch die Unternehmensproduktivität hoch! Seit 1996 ist BGM notwendiges Komplement der ganzheitlichen Doppelstrategie der Unternehmen zur Realisierung von Arbeitssicherheit:

  1. Arbeitsschutz als Verhältnisprävention soll verhindern, dass überhaupt den Beschäftigen gesundheitliche Schäden – körperlich, geistig, seelisch – durch die Arbeit widerfahren. Dies wird unternehmensseitig durch die Beachtung von Rechtsvorgaben für die Ausstattung mit Arbeitsmitteln, Organisation von Arbeitsabläufen und Stellenbesetzung sichergestellt.
  2. BGM soll als Verhaltensprävention darüberhinaus die Beschäftigten zu gesunder Lebensführung motivieren. Im Idealfall ist es Teilsystem eines betrieblichen Qualitätsmanagements-Systems nach DIN EN ISO 9001: 2008, wofür in 2010 als Anforderungskatalog der so genannte Social Capital and Occupational Health Standard (SCOHS) eingeführt wurde.

Die Rolle der Unternehmen
Die Harmonisierung von Rahmenbedingungen im Europäischen Binnenmarkt hat zu einer Fülle von Anpassungen geführt, die auch den Bereich der Arbeitssicherheit betreffen. Gab es bis 2009 gem. SGB IV und VII in Deutschland insgesamt 23 gewerbliche Berufsgenossenschaften, die aus Beiträgen der Unternehmen finanziert wurden, ist deren Anzahl aufgrund des „Gesetzes zur Modernisierung der gesetzlichen Unfallversicherung (UVMG)“ vom 5. November 2008 auf nur noch neun geschrumpft, die nach Fusionierungen mit einjähriger Verzögerung am 1. Januar 2011 ihre Arbeit aufgenommen haben als:

  • Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU)
  • Berufsgenossenschaft Handel und Warendistribution (BGHW)
  • Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM)
  • Verwaltungs-Berufsgenossenschaft – Berufsgenossenschaft der Banken, Versicherungen, Verwaltungen, freien Berufe, besonderen Unternehmen, Unternehmen der keramischen und Glas-Industrie sowie Unternehmen der Straßen-, U-Bahnen und Eisenbahnen (VBG)
  • Berufsgenossenschaft Rohstoffe und Chemische Industrie (BG RCI)
  • Berufsgenossenschaft für Transport und Verkehrswirtschaft (BG Verkehr)
  • Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN)
  • Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) sowie
  • Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW)

Laut Urteil des EuGH vom 5. März 2009 (C-350/07) wurde zwar die Zuständigkeit der gewerblichen Berufsgenossenschaften mit dem EU-Gemeinschaftsrecht als vereinbar und eine Pflichtmitgliedschaft nicht als Verstoß gegen Rechtsnormen des Binnenmarktes sowie Wettbewerbsbestimmungen erklärt. Doch es darf bezweifelt werden, ob dies in Zukunft weiterhin Bestand haben wird. Jedenfalls aber hat das Urteil die Rolle der Unternehmen bei der Arbeitssicherheit deutlich aufgewertet: Ihre Kardinalaufgabe ist und bleibt, für den Arbeitsschutz Gefährdungsbeurteilungen zu erstellen, zu dokumentieren und laufend nachzusteuern!

Installation eines BGM
Auf genau diese Gefährdungsbeurteilungen beziehen sich auch Ansätze für ein BGM. Weitere Instrumente sind: Fehlzeiten-Analysen, Krankenkassenberichte, biometrische Daten, Gesundheitszirkel, Zielfindungs-Workshops sowie Mitarbeiter-Befragungen. Im Rahmen einer Bestandsaufnahme werden zunächst alle im Unternehmen bereits vorhandenen Maßnahmen und Prozesse erfasst, etwa:

  • „Gesundheit“ als Thema im Unternehmensleitbild
  • flexible Arbeitszeit-Modelle (Gleitzeit, Arbeitszeit-Konten, Sabaticals)
  • Maßnahmen zur Förderung der gesundheitlichen Selbstverantwortung (Bonus-Systeme)
  • Führungskräfte-Weiterbildung
  • Gesundheitskurse (Yoga, Rückenschule, Lauftreffs)
  • gesundes Kantinenessen usw.

Vorhandene Maßnahmen aufzugreifen, zu strukturieren, miteinander zu vernetzen und zu kommunizieren bilden die Aufgaben innerbetrieblicher Gesundheitsmanager. Gemeinsam mit weiteren Akteuren – Unternehmensleitung, Führungskräfte, Personalvertretung, Betriebsarzt, Fachkräfte für Arbeitssicherheit – leiten sie danach z. B. folgende Handlungsziele ab:

  • Betriebsbereich: Wo wollen/müssen wir aktiv werden?
  • Gesundheitsbereich: Auf welchen Gesundheitsebenen (körperliche, psychische, kognitive und/oder organisationale Ebene) wollen/müssen wir aktiv werden?
  • Kennzahlen: Welche konkreten Kennzahlen aus unserer Bestandsaufnahme wollen wir verbessern/stärken? Wie sollen die Kennzahlen aussehen?
  • Messzeitpunkte: Bis wann sollen die Kennzahlen erreicht werden? Wann ist eine Evaluation durchzuführen?
  • Evaluation und Kontinuierliche Verbesserung: Wurden die Ziele erreicht? Sind die Fehlzeiten gesunken? Ist die Arbeitszufriedenheit gestiegen? Wo besteht Nachholbedarf?

Die Umsetzung des BGM in die Betriebsorganisation erfolgt schrittweise als Projektmanagement. Als Teil der Unternehmenskultur hat es aber nur eine Chance, wenn es selbst ein Unternehmensziel darstellt und sowohl Beschäftigte wie auch Personalvertretung partizipieren lässt. Für Führungskräfte gibt es verschiedene Qualifizierungsabschlüsse, die von Zertifikats-Lehrgängen (z. B. IHK Köln, IHK Düsseldorf) bis zu Bachelor-/Masterstudiengängen (z. B. Hochschule Aalen, Universitäten Hamburg, Bielefeld und Koblenz-Landau) reichen.

Gesundheitsmanager – eine Chance für Zeitsoldaten, die nach Ablauf ihrer Verpflichtungszeit eine Anstellung in der Zivilwirtschaft suchen!

Dr. Lothar Greunke

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