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Gesundheits- und Pflegeberufe

Work-Life-Balance – die seelischen Kosten der Karriere

Diplom-Psychologe Werner Gross*), Psychotherapeut und Buchautor, sieht die gegenwärtigen Verhältnisse in der Gesellschaft weltweit in einem fundamentalen Wandel begriffen, der aus globaler Betrachtung alle nationalen Belange in eine „Weltinnenpolitik“ zusammenführt. Diesen Wandel gestalten aus seiner Sicht sieben „Megatrends“: die technologische Revolution, Ökologisierung, Globalisierung, Wertewandel in Richtung Individualisierung, Frauenerwerbstätigkeit, Alterung und niedrige Geburtsziffern sowie Zunahme internationaler Migrationen.

Gegenwartsanalyse
Die Folgen dieser Trends nehmen sich für Gross wie „Menschenexperimente“ aus, die verschiedene Anforderungen im Wirtschafts- und Privatleben in den Fokus rücken, wie z. B. Mobilität, Zwang zur Individuation, neues Zeiterleben, Bedeutung der Medien als Sozialisationsfaktor und Kontaktmedium, neue Beziehungsformen (Chatroom-Bekanntschaften, Wochenend- und Fernbeziehungen u. a.) sowie Kontinuitätsverlust in Beziehungen (Ketten-Ehen, Patchwork-Familien u. a.).

Im Berufsleben zeigen sich diese Anforderungen vor allem als „Arbeitsverdichtung“ mit dem Ziel der Potentialausschöpfung („Effizienz-Terror“) und stehen in der Realität oft im Widerspruch zu Leitbildern und Corporate Identity. Als Symptome hierfür gelten Gross: Überwiegen von Teilzeit- und befristeten Arbeitsverträgen, diskontinuierliche Erwerbsbiografien und Berufsverläufe, „synchrone Vielfalt“ (d. h. neben einem Hauptberuf werden eine oder mehrere Nebentätigkeiten ausgeübt) sowie Zwangsselbstständigkeit und projektförmige Arbeit.

Auf individueller Ebene äußern sich diese Anforderungen als: „Patchwork-Identitäten“, Angst, Sehnsucht nach Bindung, Geschlechtsrollenidentität und -diffusion, Burn-out, typische Krankheitsbilder (Borderline, Multiple Persönlichkeit, Depressionen u. a.). Die Weltgesundheitsorganisation WHO prognostiziert denn auch für 2020: Depressionen werden bei den belastenden Krankheiten Platz zwei einnehmen!

Bilanz
Die seelischen Kosten der Berufskarriere lassen sich bzgl. der Behandlung von Angstsymptomen aufgrund von Flexibilitätsterror mit jährlich ca. 50 Mrd EUR quantifizieren. Weitere Behandlungen erfordern zudem: körperliche Auswirkungen in Form von psychovegetativen und -somatischen Krankheiten, Sucht und chronischem Erschöpfungssyndrom/CFS; psychische Auswirkungen, wie Überlastung/Überforderung, zwanghafte Bewältigung von Misserfolgen, Abstumpfung/Resignation, Empfinden von Lust- und Sinnlosigkeit sowie soziale Konflikte in Form von Partner-/Familienproblemen, Verlust von Sozialkontakten.

Das häufig genannte Burn-out ist keine medizinische Diagnose, sondern eine Zustandsbeschreibung, die aus dem Wirkungszusammenhang von äußeren und inneren Faktoren resultiert. Der Zustand durchläuft die vier Phasen:

  1. Euphorie
  2. Desillusionierung (innere Emigration, innere Kündigung)
  3. Schuldzuweisung in Form von:
    a)    „Implosion“: Depression, Angst, Apathie u. a. oder
    b)    „Explosion“: Reizbarkeit, Misstrauen, Aggressivität u. a.
  4. Verzweiflung.

Ob und wer in diesen Zustand gerät, ergibt sich aus der Vulnerabilität (d. h. Verletzlichkeit) und ist abhängig von: der Grundverfassung (körperlich, geistig, psychisch), persönlichen Stärken und Schwächen, der Fähigkeit zur Anwendung von Stress-Handling- sowie Coping-Strategien. Entsprechende Trainings ab dem 30. Lebensjahr setzen die Vulnerabilität ab dem 50. Lebensjahr deutlich herab und erhöhen nachweislich den Erhalt der Gesundheit.

Hilfen
Als „Säulen für gesunde Identität“ gelten Gross:

  1. Arbeit sowie Zeitstruktur
  2. Körperbewusstes Verhalten (Ausgleichssport, gesunde Ernährung, Erholung u. a.)
  3. Partnerschaft/Familie
  4. Sozialbeziehungen (Freunde, Vereine)
  5. Ein Sinnsystem zur grundsätzlichen Werte-Orientierung.

Diese Säulen bilden die Orientierungspunkte für persönliche Veränderungen, die stufenweise über Veränderungseinsicht, -willigkeit und -fähigkeit erfolgen. Die Motivatoren, über die eine Veränderung ansetzt, sind: Lust, persönliche Visionen, Pflichtempfinden, Erkennen und Akzeptieren von Notwendigkeit und Zwang, Rituale und Angst, die allerdings wegen ihrer Destruktivität alle anderen Motivatoren zerstört. Veränderungsziel in individueller Verantwortung ist das eigene Verhalten. Hilfen zur Selbsthilfe können sein:

  • Funktionslust/Spaß an der Arbeit (Reflexion!)
  • Distanz zu sich selbst/zur Tätigkeit
  • maßvoller Umgang mit Arbeit
  • Hobbys, Sport, Sozialkontakte.
  • Tipps:
    • Tagesbilanz: Was war gut? Was habe ich erreicht?
    • Planung für den nächsten Tag
    • Raus aus dem Trott: Abwechslung für sich selbst stiften!
    • Auf dem Weg zur Arbeit: Was kann ich Neues entdecken
    • Innere Klausur: Wo stehe ich auf meinem Lebensweg?

Veränderungsziel in Verantwortung der Unternehmen sind die Verhältnisse unter besonderer Berücksichtigung von Personalauswahl, -entwicklung und -pflege. Für eine mittlere Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter, die für ein Unternehmen das Optimum darstellt, ist erforderlich: Verbindlichkeit und Verlässlichkeit, Beteiligung der Mitarbeiter (Qualitätszirkel, Teambesprechungen u. a.), Feed-back (Coaching, Supervision u. a.) und eine klare Einstellung gegen „hire and fire“. Konkrete Arbeitshilfen können sein:

  • Anpassung der Arbeitszeit an die Lebensphasen der Mitarbeiter
  • kein implizites Fordern von Überstunden und jederzeitiger Verfügbarkeit
  • Schutz der Freizeit der Mitarbeiter
  • klare Pausenregelung sowie
  • ausreichend Personal.

Rechtsanwalt Alexander Kessler übte in der anschließenden Diskussion eine Grundsatzkritik an den neuen Management-Techniken (z. B. Management by objectives): Sie suggerierten den Mitarbeitern lediglich Pseudo-Unternehmereigenschaften und seien betriebsseitig nicht ernsthaft an deren Gesundheit orientiert. Die Wirkung sei dabei die, dass sich die Mitarbeiter selbst „an die Kandare“ nähmen und weitaus größeren Raubbau an ihrer Gesundheit begingen! Gegen diesen Mechanismus seien herkömmliche Arbeitsschutzinstrumente, wie z. B. Arbeitszeit- und Betriebsverfassungsgesetz, machtlos, weil die Mehrarbeit (Mehrausbeutung) scheinbar freiwillig erbracht wird!

Die Veranstaltung machte deutlich, in welchem Spannungsfeld sich die Installation von Systemen des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) heute bewegt und dass jeder Mitarbeiter selbst sein persönliches Wohlergehen gegen übermäßige Inanspruchnahme durch Beruf und Arbeit verteidigen muss!

Dr. Lothar Greunke

*) Quelle: Vortrags-Diskussion „Karriere und Lebensglück – … aber nicht um jeden Preis!“ am 7. März 2013 mit Wolfgang Gross und Rechtsanwalt Alexander Kessler im „Haus des Gastes“, Bad Kreuznach.

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