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Nach 57 Jahren aufgelöst

Mainz – Mit einem feierlichen Appell in der Kurmainz-Kaserne hat sich das Wehrbereichskommando (WBK) II am 5. Dezember 2012 von der Öffentlichkeit verabschiedet. Vor den Abordnungen aller seiner Truppenteile sowie der Patenverbände – dem 3. (frz.) Husaren-Regiment aus Metz und dem 1. (US) Fernmelde-Bataillon aus Wiesbaden – umriss Befehlshaber Generalmajor Gerhard Stelz die Situation mit den Worten: „Die Bausteine von heute sind das Material, aus dem die Zukunft gebaut wird!“ Das WBK sei bei der fortschreitenden Weiterentwicklung der Bundeswehr auf der Strecke geblieben. Schiffe – so zitierte er Paul Coelho – lägen zwar im Hafen am sichersten, doch würden sie dazu nicht gebaut! In Demut und voller Respekt danke er den Soldaten und Soldatinnen, Reservisten und Reservistinnen, zivilen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen für die erbrachten Leistungen im In- und Ausland. Und er gedachte aller Kameraden, die im Einsatz Tod, Verwundung oder Verletzung erlitten haben. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck zollte dem WBK Dank und Respekt für seinen Beitrag zu Frieden und Freiheit, wie sie im Grundgesetz sowie nach UN-, NATO- und EU-Vereinbarungen der Bundesrepublik Deutschland vorgegeben sind.

Dem Befehlshaber dankte er für die fachliche Verantwortung bei der zivil-militärischen Zusammenarbeit und Hilfseinsätzen bei Katastrophen sowie für das stets freundliche Miteinander in den vergangenen Jahren. Auch er gedachte der Toten und Verwundeten bei den Einsätzen und versicherte den Angehörigen ehrende Erinnerung. Den Schlussakkord bildeten „Lilli Marleen“, vorgetragen vom Heeresmusikkorps 300: eine Melodie, die – vom Bundeswehr-Soldatensender „Radio Andernach“ zum Ausklang jeden Tages für die Soldaten im Auslandseinsatz ausgestrahlt – wie keine andere die Ambivalenz des Soldatenberufes zwischen Abschied und Melancholie ausdrücke, sowie 13 Salutschüsse der US-Salute Battery aus Kaiserslautern.

Rückblick auf die Geschichte des WBK II
Die Geschichte des WBK II reicht zurück in die Anfangsjahre der Bundeswehr. Am 24.1.1956 als WBK IV in Mainz aufgestellt, gehörte es zu den territorialen Kommandostäben, die dem Amt (später: Kommando) Territoriale Verteidigung unterstellt waren. Sein Wehrbereich umfasste die Bundesländer Hessen und Rheinland-Pfalz, ab 1959 auch das Saarland. Den WBK selbst waren kleinere Stäbe – seit 1963 Verteidigungs-bezirkskommandos (VBK) genannt – zugehörig. Zum WBK IV gehörten insgesamt sieben (VKB 41 bis 47). Den VBK unterstanden auf Ebene der Landkreise die Verteidigungskreiskommandos (VKK) sowie eigene nicht aktive Truppenteile (Jägerregiment, Fernmelde-, Naschschub-, Transportkompanien sowie Wallmeistertrupps.) Die VKKs verfügten zur Wahrnehmung von Objektsicherungsaufgaben über nicht aktive Heimatschutzkompanien und Sicherungszüge, je nach Anzahl und Größe der Objekte. 1969 wurde die bisherige „Territoriale Reserve“ als „Territorialheer“ in die Teilstreitkraft Heer integriert.

In der Heeresstruktur 3 (1970-80) erhielt das WBK zunächst ein teil-aktives Heimatschutzkommando als Gefechtsverband, ausgestattet mit Panzerfahrzeugen: das HSchKdo 16, 1981 umgegliedert in die aktive Heimatschutzbrigade (HSchBrig) 54 in Zweibrücken. Zum WBK-Stab gehörten die Abteilungen G1 (Personal/Innere Führung), G2 (militärisches Nachrichtenwesen), G3 (Führung/Organisation/Ausbildung) und G4 (Logistik) sowie Stabszellen für Infrastruktur/Pionierwesen, Verkehrsführung, Militärgeographiedienst, Fernmeldewesen und Militärisches Kraftfahrwesen.

In der Heeresstruktur 4 (1980-92) wurde dem WBK IV zusätzlich die nicht aktive HSchBrig 64 als Geräteeinheit in Nünchweiler, später Gau-Algesheim unterstellt.

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden alle WBK im Rahmen der Heeresstruktur 5 (1993–97) als eigenständige Kommandobehörden aufgelöst und mit bestehenden Divisionen fusioniert. Aus dem WBK IV wurde 1994 so das WBK IV/5. PzDiv. Der Wehrbereich als Raum blieb unverändert, der größte Teil der nicht aktiven Verbände und Einheiten aber wurde aufgelöst. Der neue Stab erhielt einen zusätzlichen „Stellvertretenden Divisionskommandeur und Kommandeur der WBK-Truppen“, ab 1996 umbenannt in „Stellvertretender Befehlshaber und General für Nationale Territoriale Angelegenheiten“. Im Spannungsfall wäre der WBK-Stab geteilt worden in einen normalen mobilen Divisionsstab (NATO-unterstellt) und einen nationalen, am Standort verbleibenden Stab WBK mit entsprechender Unterstellung der Truppenteile.

Im Rahmen der Umgliederung zur „von Grund auf erneuerten Bundeswehr“ 2001 wurde das Territorialheer aufgelöst und verbliebene nationale Strukturen und Aufgaben in den neu geschaffenen Organisationsbereich „Streitkräftebasis“ eingegliedert. Die Verantwortung für die „Nationen Territorialen Aufgaben“ wechselte am 1.10.2001 vom Heeresführungskommando zum neuen Streitkräfteunterstützungskommando (SKUKdo). Neuer „Nationaler Territorialer Befehlshaber“ wurde der Befehlshaber SKUKdo. Gleichzeitig wurden die WBK/Div defusioniert, die Anzahl der Wehrbereiche und WBK von sieben auf vier reduziert. Aus WBK IV/5. PzDiv wurde in 2004 das WBK II mit den VBKs 31, 34, 35, 42, 46 und 47. Einzelne VBKs und noch bestehende nicht aktive Truppenteile wurden aufgelöst. Der neue Wehrbereich II wurde auf Nordrhein-Westfalen ausgeweitet.

Mit Auflösung der VBKs und Aufstellung der Landeskommandos (LKdo) Nordhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland hatte das WBK II seine Zielstruktur im Wesentlichen erreicht. Die LKdos führen entsprechend der politischen Strukturen der Bundesländer 34 Bezirksverbindungskommandos (BVK) als Verbindungselemente zu den Bezirksregierungen/Regierungspräsidenten sowie Kreisverbindungskommandos (KVK) zu den Kommunen. BVK und KVK bestehen ausschließlich aus Reservisten. Als eigene Truppenteile wurden dem WBK II unterstellt:

  • die Führungsunterstützungsregimenter 28 in Mechernich sowie 29 in Dillingen
  • die Feldjägerbataillone 251 in Mainz und 252 in Hilden
  • die Truppenübungsplatzkommandantur Baumholder sowie der Deutsche Militärische Vertreter des von der britischen Armee verwalteten Truppenübungsplatzes Senne bei Paderborn.

Der Personalumfang betrug insgesamt ca. 10.000 Soldaten und 1.000 Zivilbeschäftigte.

Der Auftrag
Der Auftrag des WBK hat sich während und nach dem „Kalten Krieg“ entscheidend gewandelt. Bis zum Beginn der Transformation der Bundeswehr lautete er:

  • Aufrechterhaltung der Operationsfreiheit der Nato-Streitkräfte und
  • Unterstützung der Zivilen Verteidigung
  • fachliche und truppendienstliche Führung der unterstellten Truppenteile
  • Planungsarbeiten auf Grundlage sehr genauer Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten
  • im Verteidigungsfall Zusammenarbeit mit den Nato-Korps.

Die Komplexität dieses Auftrages verdeutlicht ein Blick auf die damit verbundenen Einzelaufgaben:

  • Vorbereitung (im Frieden) bzw. Ergreifung (Spannungs-/V-Fall) aller geeigneten Maßnahmen,
    • sich selbst über die Lage von Zivilverteidigung, Militär und Infrastruktur zu unterrichten; Truppen, zivile Behörden und Bevölkerung im Wehrbereich über die militärische Lage sowie Maßnahmen und Absichten von Feindkräften zu unterrichten und vor Auswirkungen von ABC-Kampfmitteln zu warnen
    • bestimmte Objekte, Verkehrswege und Räume
      • gegen Beeinträchtigung ihrer Nutzung durch Feindeinwirkung zu Lande zu schützen
      • zur Nutzung bereitzustellen, bereit- oder freizuhalten durch Lenkung von Verkehrs- oder Bevölkerungsbewegungen
      • für Unbefugte/Feind zu sperren oder zu lähmen
    • feste Fernmeldeeinrichtungen zu unterhalten und zu betreiben
    • Reservelazarette einzurichten und zu betreiben; Truppen vor Seuchen/Vergiftungen zu schützen
    • Bundeswehrpersonal zu ersetzen, um dadurch die Operationsfreiheit der Streitkräfte aufrechtzuerhalten
  • auf Anforderung zusätzlich
    • Streitkräfte durch Bereitstellen von militärischen Kräften/Hilfsmitteln aus dem zivilen Bereich zu unterstützen, um dadurch
    • die Funktionsfähigkeit von Kampf-, Führungs- und Versorgungsanlagen/-einrichtungen wieder herzustellen oder
    • zur Versorgung der Truppen beizutragen
    • Zivilbehörden bei Maßnahmen zur zivilen Verteidigung zu unterstützen, um dadurch
      • die Regierungsgewalt aufrechtzuerhalten
      • Bevölkerung vor Feindeinwirkungen zu schützen oder
      • die Versorgung der Bevölkerung/Truppe sicherzustellen.

Seit 2004 war das WBK II verantwortlich für die Wahrnehmung territorialer militärischer Aufgaben und arbeitete innerhalb des Wehrbereiches mit dort stationierten Truppenteilen und Teilstreitkräften, seit 2000 auch mit dem Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr, den Dienststellen der Bundeswehrverwaltung, den mittleren Bundes- und jeweiligen Landesbehörden zusammen. Der Auftrag lautete nun:

  • Sicherstellung des Streitkräfte gemeinsamen Grundbetriebes
  • Unterstützung der Organisationsbereiche im Inland sowie bei Auslandseinsätzen
  • Fachliche und truppendienstliche Führung der unterstellten Truppenteile
  • Organisation von Hilfseinsätzen der Bundeswehr im Inneren gem. GG Art. 35.

Die Zukunft des WBK II
Bis März 2013 werden laufende Aufgaben des WBK II zu Ende geführt, Personal und Material sukzessive umgeplant. Danach werden gemäß des Stationierungskonzepts vom Oktober 2011 die bisherigen Aufgaben des WBK II innerhalb der Bundeswehr umverteilt:

  • Territoriale Aufgaben zum neu aufzustellenden Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr in Berlin
  • die LKdos werden selbständig und unterstehen dem Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr.
  • der Auftrag Logistik zum neuen Logistikkommando der Bundeswehr in Erfurt
  • die Führungsunterstützung zum neuen Führungsunterstützungskommando der Bundeswehr in Bonn.

Wegweisend sind die Schlussworte des Befehlshabers bei seiner Ansprache während des Verabschiedungsappells, mit denen er gleichzeitig den neuen Verantwortlichen Unterstützung zusicherte: „Fortschritt ist die gelungene Symbiose aus Neuem und Altbewährtem!“

Dr. Lothar Greunke

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