// sie lesen ...

IT-Branche

„Der Bedarf an IT-Fachkräften wird dramatisch steigen“

Interview mit Dr. Oliver Grün, dem Vorstandsvorsitzenden des Bundesverbandes IT-Mittelstand (BITMi) e. V. : BITMi ist der bundesweit einzige IT-Fachverband, der ausschließlich mittelständische Interessen vertritt, seine Mitglieder sind in allen Bereichen der Wirtschaft aktiv. Dazu gehören Softwareentwickler, Hardwareproduzenten, Systemhäuser und IT-Beratungsunternehmen. Ziel des Verbands ist es, Unternehmenswachstum und Produktivität der kleinen und mittleren Unternehmen zu beschleunigen sowie die Marktentwicklung voranzutreiben.

Bund+Beruf: Ist das Jahr 2012 für die IT-Branche und den IT-Mittelstand bisher erfolgreich verlaufen im Hinblick auf Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze?

Dr. Oliver Grün: Wir gehen derzeit von einem Umsatzwachstum der mittelständischen IT-Wirtschaft von zwei Prozent in 2012 aus. Damit sind wir deutlich optimistischer als der Internationale Währungsfond, der in seinem kürzlich veröffentlichten World Economic Outlook für Deutschland insgesamt nur jeweils 0,9 Prozent Wachstum in diesem und im kommenden Jahr erwartet. Unsere Meinung wird durch unsere verbandsinternen Erhebungen gestützt. Auf unsere Frage, ob sich die wirtschaftliche Situation des IT-Mittelstandes in Deutschland gegenüber dem Vorjahr 2011 entwickelt hat, stellten 52,7 Prozent der Befragten fest, die Lage habe sich nicht verändert. Sie erinnern sich, dass die Wirtschaft 2010 und 2011 rekordverdächtig um vier und 3,1 Prozent gewachsen war. Wir sind mit unserer Einschätzung also deutlich vorsichtig und konservativ geblieben. 36,4 Prozent sprechen sogar von einer verbesserten Entwicklung. Für 10,9 Prozent hat sich die Lage verschlechtert. Zwei Prozent Wachstum ist für die mittelständische IT-Wirtschaft aber kein Grund zur Freude. Schließlich ist es der Mittelstand, aus dem die künftigen Großunternehmen erwachsen können. Dazu brauchen wir aber mindestens zweistellige Wachstumsraten, um einmal einen Erfolg wie Facebook made in Germany oder vergleichbare Senkrechtstarter hervorzubringen.

Bund+Beruf: Wie würde Ihre Prognose für 2013 aussehen?

Dr. Oliver Grün: Wir gehen auch in 2013 von weiter steigenden Wachstumsraten für die deutsche IT-Branche aus. Wir sind dabei deutlich optimistischer als das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Das DIW spricht in seiner jüngst veröffentlichten Prognose von einem Wachstum von 1,6 Prozent für Deutschland. Allerdings sind wir ähnlich wie der Währungsfonds der Meinung, dass weitere Strukturreformen erforderlich sind. Das vom IWF bemängelte niedrige Investitionsniveau kann nur durch verbesserte finanzielle Rahmenbedingungen für den Mittelstand erreicht werden, denn der Mittelstand investiert vor allem an seinen lokalen Standorten und stärkt damit den Standort. Hier erwarten wir von der Politik klare Unterstützung bei Themen wie Basel III und der Unternehmenssteuerreform. Unsere Prognose gilt allerdings nur „ceteris paribus“ wie die Ökonomen sagen. Sollte sich die Euro-Krise unkontrollierbar verstärken, werden alle Prognosen hinfällig.

Bund+Beruf: Wie stehen die Chancen mittelfristig, mit einer Ausbildung in den gängigen IT-Berufen wie Fachinformatiker (Anwendungsentwicklung/Systemintegration), IT-Systemelektroniker, IT-System-Kaufmann oder Informatikkaufmann einen Arbeitsplatz zu finden?

Dr. Oliver Grün: Wir haben uns im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts „GlobePro – Global erfolgreich durch professionelle Dienstleistungsarbeit“ intensiv wissenschaftlich mit der Bedeutung der IT-Berufe in einer globalisierten Welt heute und in Zukunft auseinandergesetzt. Beispielsweise war eine unserer Fragen, welche Folgen die Globalisierung für das erforderliche Qualifikationsniveau, den Hochschulabschluss oder die Berufsausbildung von IT-Profis hat. Wir waren selber erstaunt zu erfahren, dass 72,4 Prozent der Befragten der Meinung sind, dass bedingt durch die internationale Arbeitsteilung und die zunehmende Industrialisierung von IT-Prozessen auch in Zukunft IT-Profis auf den verschiedenen Qualifikationsniveaus von dualer IT-Ausbildung und Hochschulstudium benötigt werden. Nur 27,6 Prozent dagegen sind der Auffassung, dass durch die internationale Arbeitsteilung in Zukunft ausschließlich Fachkräfte mit Informatikstudium bzw. informatiknahem Studium benötigt werden. Dies unterstreicht den Stellenwert der dualen Ausbildung auch in der IT-Branche. Insgesamt, so ergaben unsere Forschungen, wird der Bedarf an IT-Fachkräften dramatisch steigen. IT-Sicherheit, Kundenbetreuung, Entwicklung von IT-Lösungen, Softwareentwicklung und das IT- Projektmanagement gehören neben vielen anderen zu den wichtigsten Arbeitsgebieten der Zukunft.

Bund+Beruf: Ist der Quereinstieg in die IT-Branche schwierig, wenn man eigentlich beruflich etwas anderes gemacht hat und sich umorientieren will?

Dr. Oliver Grün: Technisches Verständnis, Begeisterung für die Informationstechnologie und die Bereitschaft, ständig dazu zu lernen, sind notwendige Bedingungen. Die IT nur als Broterwerb zu sehen, ist nicht ausreichend. Falls aber logisches und strukturiertes Denken sowie Orientierung an Problemlösungen zu den Lieblingsbeschäftigungen gehört, können auch Quereinsteiger punkten. Sicherlich stehen besonders Hochschulabsolventen ganz oben auf der Wunschliste. Es gibt aber auch genügend andere Anforderungen, die ein Bewerber erfüllen muss. So haben IT-Profis Vorteile, die Sprachkenntnisse mitbringen und Erfahrungen aus anderen Wissensgebieten vorweisen können. Besonders das Potenzial nicht-akademischer Fachkräfte muss intensiver ausgeschöpft werden, zum Beispiel durch das Beseitigen von Bildungsbarrieren, damit sie über Weiterqualifizierung Zugang zu akademischen Abschlüssen erhalten. Weiterhin könnte auch die Fortbildung zum IT-Professional von den IHKs zu den Fachhochschulen verlagert und so ein Ausbau zum Bachelor-Abschluss ermöglicht werden. Eine Erhöhung der Praxisorientierung ist sowohl für akademische, als auch für nicht-akademische Fachkräfte von Belang. So ist eine direkte Weiterbildung von Angestellten im Unternehmen fast unvermeidlich, denn das theoretische Wissen reicht meistens für die speziellen Ansprüche in der Praxis nicht aus.

Bund+Beruf: Besteht zwischen dem Bundesverband IT-Mittelstand (BITMi e. V.) und dem Berufsförderungsdienst der Bundeswehr (BFD) eine Kooperation mit Qualifizierungskonzepten für Soldaten? Wie gestaltet sich diese Kooperation?

Dr. Oliver Grün: Der Bundesverband IT-Mittelstand und die Bundeswehr kooperieren im Bereich des Bundeswehrpersonalplacements miteinander und führen gemeinsam den Bewerbungsprozess durch. Dazu erhalten wir von der Bundeswehr eine Liste von Soldaten und Soldatinnen, die sofort oder in absehbarer Zeit einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz suchen. Stellt ein Unternehmen fest, dass einige Bewerber/-innen aufgrund der dargestellten Qualifikationen für das Unternehmen interessant sein könnten, übermittelt das Unternehmen die Bewerbernummern per E-Mail an den BITMi. Die Bundeswehr teilt den Bewerbern/-innen daraufhin die Kontaktdaten des interessierten Unternehmens mit. Die Bewerber/-innen sollten sich dann umgehend mit dem Unternehmen in Verbindung setzen. Sollte in dem dann stattfindenden ersten Gespräch beiderseits festgestellt werden, dass ein weiteres Bewerbungsverfahren sinnvoll ist, kann ein Vorstellungsgespräch vereinbart werden. Die Vorteile für die Firmen bei einer Einstellung einer Soldatin/eines Soldaten liegen im Wesentlichen darin, dass dringend gesuchte Arbeitsplätze für IT-Fachkräfte besetzt oder aufgebaut werden können. Natürlich sind auch die Zuschüsse für den Soldaten oder die Soldatin von Vorteil. Die Vorteile für die Bewerber liegen auf der Hand. Wir sind sehr zufrieden mit der Kooperation und bitten die Soldaten, beruflich in diese Richtung zu denken.

Bund+Beruf: Vielen Dank für das Interview.

Die Fragen stellte Hans Martin Krause

Diskussion

Kommentare sind für diesen Beitrag nicht zugelassen.

Kommentare geschlossen.