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Gegen Verfall und Vergessen

Jüdische Verstorbene genießen ewiges Ruherecht. Ihre Gräber sollen unantastbar und allgegenwärtig sein. Doch wer putzt die Grabsteine, harkt das Laub und schneidet die Blumen, wenn keine Angehörigen mehr vor Ort sind? Wenn die Angehörigen während des Zweiten Weltkrieges fliehen mussten oder ermordet wurden? Reservisten und Soldaten des Standortkommandos Berlin kennen die Antwort.

Als sie den Friedhof betraten, sahen sie erst mal nur eines: sehr viele alte Grabsteine. Verfallen, verwahrlost, verwaist. Die Erde war von altem Laub bedeckt, keine Sonne durchdrang die geschlossene Decke des Blätterwaldes. Was aussah wie eine längst vergessene Ruhestätte irgendwo am Rande der Stadt, ist ein Friedhof mitten in Berlin-Weißensee. Ein jüdischer Friedhof. „Das Bild, das sich uns bot, war erschreckend. Ich dachte: Das schaffen wir nie“, sagt Domenico Schulze. Doch der Freiwillig Wehrdienstleistende (FWDL) hat sich getäuscht. Sie haben es geschafft. Der jüdische Friedhof der Israelitischen Synagogengemeinde Adass Jisroel ist heute gepflegt und ordentlich.

Zu verdanken ist diese Veränderung insgesamt 17 Soldaten des Wachbataillons, des Feldjägerbataillons 350 und des Standortkommandos sowie Reservisten der Landesgruppe Berlin. Zwei Wochen lang haben sie ihre Zeit geopfert um zu harken, zu fegen und aufzuräumen. Doch eigentlich haben sie noch viel mehr getan. Ihre Arbeit hat einen besonderen Stellenwert: „Sie leisten einen sehr wichtigen Teil des Versöhnungsprozesses, den wir aufgrund unserer deutschen Vergangenheit zu bewältigen haben“, erklärt der Wehrbeauftrage des Deutschen Bundestages Hellmut Königshaus. „Sie spüren ihre Verpflichtung. Sie kommen dieser nach. Darauf können sie stolz sein.“

In der Regel sind die jüdischen Gemeinden für die Erhaltung und die Pflege der Gräber verantwortlich. Doch nicht immer ist genug Geld vorhanden. Und – viel wesentlicher – nicht immer sind Familienangehörige vor Ort, welche die Grabpflege übernehmen könnten. Sie sind im Zweiten Weltkrieg ermordet worden, ausgestorben oder nach Übersee ausgewandert. „Deutsche Soldaten und Reservisten auf einem jüdischen Friedhof – das ist nicht selbstverständlich. Ihre Arbeit ist sehr wichtig für uns. Das ist wunderbar“, bestätigt Dr. Mario Offenberg, Geschäftsführer und Vorstandssprecher der Israelitischen Synagogengemeinde.

Es handelte sich bereits um den elften Arbeitseinsatz der Soldaten und Reservisten auf jüdischen Friedhöfen. Er wird organisiert und finanziert vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Und dessen Sonderbeauftragter Joachim Freund versichert: „Der Volksbund fühlt sich auch in Zukunft für diesen Friedhof verantwortlich. Wir kommen wieder.“

Christina Betting

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