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Arbeitskreis Bundeswehr und Handwerk: Neuausrichtung der Bundeswehr

HERRSTEIN. Um die Neuausrichtung der Bundeswehr drehte sich das 36. Treffen des 1994 gegründeten regionalen Arbeitskreises „Bundeswehr & Handwerk“ im Zentrum für Restaurierung und Denkmalpflege der Handwerkskammer (HwK) Koblenz. 18 Personalverantwortliche kamen zu diesem Treffen zusammen. Sie vertraten: das Wehrbereichskommando II/Mainz, die 2. Luftwaffendivision/Birkenfeld, die Artillerieschule/Idar-Oberstein, das Artillerielehrregiment 345/ Kusel, das Führungsunterstützungsbataillon 282/Kastellaun, den Berufsförderungsdienst Trier sowie die HwK Koblenz. Erörtert wurden:

Folgen der Neuausrichtung für Rheinland-Pfalz
Oberst i. G. Volker Oppermann vom Wehrbereichskommando II nannte als Grundprinzipien für das Stationierungskonzept: Funktionalität, Kosten, Attraktivität und Präsenz in der Fläche. Die Auswirkungen auf Rheinland-Pfalz umfassten fünf Standortschließungen (Birkenfeld, Bad Neuenahr-Ahrweiler, Emmerzhausen, Kusel, Speyer) mit einem Gesamtverlust von 3.650 Dienstposten sowie sechs signifikante Standortreduzierungen (Diez, Hilscheid, Kaiserslautern, Lahnstein, Mainz, Zweibrücken) mit einer Gesamtreduzierung um 3.160 Dienstposten. In der Diskussion zeigte sich, dass das Stationierungskonzept mit einem Dienstpostenverlust von 28 Prozent Rheinland-Pfalz gegenüber anderen Bundesländern nicht benachteilige. Allerdings würden Einsparungen so nicht in erhoffter Größe zu erreichen sein, was nur bei Aufgabe ganzer Fähigkeiten gelingen könne, wie etwa die komplette Auflösung der Heeresflugabwehrtruppe. Als voraussichtliche Auflösungstermine wurden genannt:

– 31.12.12 AusbKp bei FüUstgBtl 282
– 01.04.13 WBK II
– 30.09.13 Stab 2. LwDiv
– 31.12.13 ArtLRgt 345.

Bezüglich Personalmanagement und Nachwuchsgewinnung sehe die Neuausrichtung ein bundeswehrgemeinsames Personalamt in St. Augustin ab Mai 2013 vor. In Rheinland-Pfalz ein Karrierecenter mit Assessment in Mainz, das Politik, Behörden, Wirtschaft und Arbeitsagentur den Arbeitgeber Bundeswehr transparent machen soll. Weiterhin seien fünf Karriereberatungsbüros vorgesehen in Koblenz, Bad Kreuznach, Trier, Kaiserslautern und Neustadt/Weinstraße. Andiskutiert wurde, dass die Nachwuchswerbung der Bundeswehr weit hinter den Soll-Zahlen zurück bleibe und zudem durch Ausbildungsabbrüche von ca. 25 Prozent noch einmal reduziert werde. Empfohlen wurde, an der Imagebildung zu arbeiten, weil:

  • jugendliche Bewerber oft keine realistische Vorstellung über den Soldatenberuf hegten. Ihnen fehle das praktische Erleben, das früher der Grundwehrdienst ermöglichte, um Fehlerwartungen von Vornherein zu korrigieren. Nach Wegfall der Wehrpflicht fehlten auch zunehmend Kontaktpersonen, die ihnen Auskunft geben können, wie es „wirklich“ ist. Die Internetauftritte der Bundeswehr erzeugten dagegen völlig falsche Vorstellungen.
  • in zivilen Unternehmen viel zu wenig über die Qualifikationen ehemaliger Zeitsoldaten bekannt sei. Damit der Überhangabbau gelingen soll, müsste diese Zielgruppe zeitnah und intensiv informiert und beraten werden.

Flankierend zur Neuausrichtung ist ein Reformbegleitprogramm angedacht, wozu seit 15. Februar ein Kabinettsentwurf im Parlament beraten wird. Mit dessen Hilfe soll der Überhang von 6.200 Berufssoldaten und ca. 3.000 Beamten bis 2017 abgebaut werden. In der Diskussion klang durch, dass die im Bundeswehrreformbegleitgesetz genannten Maßnahmen nicht wirklich attraktiv seien. Es wurde als fraglich angesehen, ob der angestrebte Überhangabbau damit gelingen könne.

Neuerungen in der Berufsförderung
Regierungsdirektor Markus Grunenberg vom Berufsförderungsdienst (BFD) Trier bedauerte, dass noch keine verbindlichen Änderungen des Soldatenversorgungsgesetzes, der Berufsförderungsverordnung mit Ausführungsbestimmungen vorlägen. Deshalb seien derzeit auch keine verbindlichen Aussagen bzgl. Übergangsgebührnisse und Fördermaßnahmen möglich. Erwartet werde, dass diese Regelungen innerhalb der nächsten Monate geschaffen würden. Auch der BFD Trier ist von dem neuen Stationierungskonzept betroffen: Er wird wahrscheinlich Anfang 2013 nach Saarlouis, deutlich später nach Lebach verlegt werden. Das Karrierecentrum Lebach/Saarlouis wird dann über Standort-Teams in Idar-Oberstein, Zweibrücken und Merzig verfügen. Der BFD Trier veranstaltet am 24. Oktober eine Job-Messe in der Artillerieschule.

Kooperation Bundeswehr und Wirtschaft
Oberst d. R. Hans-Joachim Benner, Leiter des Beratungszentrums Bundeswehr-Wirtschaft (BzBwWi) bei der Handwerkskammer (HwK) Koblenz stellte als Leistungsbilanz seines Zentrums für 2011 heraus: An bundesweit 37 Standorten wurden 2.345 Soldaten in Gruppenveranstaltungen, 3.816 in Einzelkontakten informiert. Für 1.053 Sodaten wurden konkrete individuelle Berufswegplanungen entwickelt und Stellenkontakte hergestellt. Als aktuelle Kooperationsprojekte wurden aufgezeigt:

  • Das SaZ-Modell, das nach einer bisherigen Laufzeit von 4 Jahren 144 Soldaten in einer verkürzten Berufsausbildung zu einem Gesellenbrief verholfen hat. 142 von ihnen seien damit in Arbeit vermittelt worden, zwei als Wiedereinsteiger in die Bundeswehr zurückgekehrt.

Als neue Projektfelder wurden erschlossen:

  • Logistik: mit Kooperationspartnern für Luft, See, Lager, Zoll, Sicherheit und Gefahrgut wurden duale Qualifizierungskonzepte entwickelt
  • Automotive: mit namhaften Automobil-Herstellern, Bildungsträgern, Autohäusern und dem Kfz-Gewerbeverband wurde ein zweistufiges Qualifizierungskonzept alternativ für Vertriebs- bzw. Servicemanagement geschaffen
  • IT-Marktplatz: in Kooperation mit dem Verband Bitkom, den DIHK sowie den Firmen SAP, Microsoft, Hewlett Packard, symantec und Novel wurden – im Anschluss an Einzelassessments – Qualifizierungskonzepte vereinheitlicht, die über Anpassungslehrgänge und Betriebspraktika in IT-Unternehmen herstellerspezifische Zertifikats-Seminare zur Aufstiegsfortbildung vorsehen.
  • Studierende: Offiziersstudenten werden in der Bachelor- und Masterphase gezielt in Praktika vermittelt;
  • Meister, die Bachelor/Master werden wollen, können über die Zentralstelle für Fernstudien (ZFH) Studien-Vorkurse absolvieren.
  • „Bildungs- und Qualifizierungslandschaft“: In dem Projekt 6 zur Neuordnung der Streitkräfte, das für das Verteidigungsministerium unter Federführung der Bundeswehruni Hamburg entwickelt wird, ist das BzBwWi eingebunden.

Klar gestellt wurde in der Diskussion, dass Einsteiger in das SaZ-Modell künftig nur dann eine Ausbildungseignungsuntersuchung beim Zentrum für Nachwuchsgewinnung absolvieren müssen, wenn noch keine Erstausbildung vorliegt. Für den Einstieg in Logistik-Qualifizierungen werden gute Englisch-Kenntnisse und die Bereitschaft zu internationalen Verwendungen vorausgesetzt. Der Abschluss „Informationstechnikermeister“ besitzt in der Wirtschaft und bei den SaZ neben dem Abschluss „Operativer-“ bzw. „Strategischer Professional“ einen hohen Akzeptanzgrad.

Erfahrungen eines ehemaligen SaZ
Achim Baumann aus Rüdesheim/Nahe wurde nach Abschluss seiner Ausbildung zum Metallbauer 1995 als Wehrpflichtiger zur Luftwaffe eingezogen. Weil ihm die Tätigkeit gefiel, verpflichtete er sich zunächst für vier, danach für 12 Jahre weiter. Er durchlief mehrere verschiedene Dienstposten, war in Nebenfunktion u. a. VS-Verwalter, ABC-AbwTrpFhr und ABC-GerMech in der Feldwebel-Laufbahn. Er wurde „Oberfeldwebel“ und als Nachschub-Meister eingesetzt. 2002 leistete er einen Auslandseinsatz in Usbekistan; 2007 war seine Dienstzeit zu Ende. Über den BFD erwarb er die Abschlüsse als Bürokaufmann, staatlich geprüfter Betriebswirt und Metallbauermeister. Sein ursprüngliches Berufsziel – Lehrer für Fachpraxis Metall – konnte er aber wegen fehlender Berufspraxis nicht realisieren. Deshalb disponierte er um, erwarb über die duale Berufsoberschule ein Fachabitur und bewarb sich für den gehobenen Verwaltungsdienst bei der Kreisverwaltung Bad Kreuznach. Sein militärischer Werdegang war mit Ausschlag gebend für die Einstellung. Nach drei Jahren Ausbildung wurde er Diplom-Verwaltungswirt und arbeitet heute als Sachbearbeiter im Sozialamt der Kreisverwaltung. Baumanns Fazit über seine Militärzeit ist eindeutig positiv: interessante Tätigkeiten, Reiseaktivitäten durch ganz Deutschland sowie intensive und effektive Zusammenarbeit mit dem BFD! Seine durch eigene Erfahrungen gestützten Empfehlungen an noch aktive SaZ lauten:

  • frühzeitig, möglichst schon vier Jahre vor Dienstzeitende, ein festes Berufsziel definieren
  • einen stimmigen Realisierungsplan mit dem BFD vereinbaren und kontinuierlich anpassen
  • alle Fördermöglichkeiten während und nach der Dienstzeit nutzen.

Diskutiert wurde, dass viele SaZ mit sich selbst „pokern“ und auf die Übernahme als Berufssoldat spekulieren. Es fehle ihnen oft Sensibilität und Eigeninitiative für ein „Leben nach dem Bund“. Dazu kommen fehlende bzw. unrealistische Berufsimages. Als Ausweg werde oft der vermeintlich „sichere Weg“ in den Öffentlichen Dienst gewählt. Eine frühzeitige Realisierung zivilberuflicher Pläne werde andererseits durch immer häufigere Auslandseinsätze massiv behindert.

Bereits 1986 trat Baumann auf Empfehlung von Klassenkameraden in die Freiwillige Feuerwehr ein und ist heute Kreisjugendfeuerwehrwart. Wegen der demografischen Entwicklung haben fast alle Feuerwehren Nachwuchsprobleme, weshalb ein Zugang günstig sei und Soldaten besonders nahegelegt wurde. Dazu wurde mitgeteilt:

  • In Rheinland-Pfalz gibt es fünf Berufsfeuerwehren (Koblenz, Trier, Mainz, Ludwigshafen, Kaiserslautern) mit Laufbahnen u. a. im mittleren technischen Dienst und Einstiegsamt A7.
  • Die Einstellungsvoraussetzungen variieren von Bundesland zu Bundesland und innerhalb eines Bundeslandes auch zwischen den Kommunen. Empfohlen wurde für Erstinformationen die Homepage www. berufsfeuerwehr-mainz.de/ job.htm sowie eine Beratung durch den BFD. Viele Voraussetzungen für den Dienst in der Feuerwehr würden von Soldaten erfüllt, da es eine große Übereinstimmung bei den Berufsanforderungen gebe; darüberhinaus hätten sie die Möglichkeit, sich intensiv vorzubereiten.
  • Empfohlen wurde schließlich, den Dienst in der Freiwilligen Feuerwehr als Einstiegsverwendung für eine Anstellung bei der Berufsfeuerwehr zu nutzen.

Dr. Lothar Greunke

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