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„Nichts ist gut im Kosovo!“ ─ Interview mit Rainer Erdel

In Neumünster erfolgte in der zweiten Januarwoche ein feierlicher Verabschiedungsappell für 69 Soldaten, die für vier Monate ins Kosovo gehen. Dort sind zurzeit 1304 deutsche Soldaten stationiert, 80 von ihnen sind Reservisten. Sie dienen in einem Land, in dem es jederzeit wieder zu bewaffneten Konflikten kommen kann. Rainer Erdel, Stellvertreter des Präsidenten des Reservistenverbandes, war jetzt dort und spricht in einem Interview über seinen Besuch.

Der Reservistenverband berichtete in den vergangenen Monaten mehrfach über Streitigkeiten zwischen den Volksgruppen und dem Staat Serbien, der das Kosovo trotz Unabhängigkeitserklärung weiter als seine Provinz betrachtet. Dennoch gilt der Kosovo-Einsatz bei vielen Soldaten, Politikern und Bürgern eher als „der vergessene Einsatz“. Um sich sein eigenes Bild machen zu können, reiste Rainer Erdel, Bundestagsabgeordneter und Oberst der Reserve, dorthin. Nach zweieinhalb Tagen kehrte er zurück. Sein Fazit nach seinem ersten Besuch: „Nichts ist gut im Kosovo!“

reservistenverband.de: Herr Erdel, weshalb waren Sie im Kosovo?

Rainer Erdel: Als Mitglied des Verteidigungsausschusses wollte ich mal hautnah erfahren, wie unsere Soldaten den Einsatz dort erleben. Deshalb bin ich alleine gereist und wählte genau den Weg, den die Soldaten gehen müssen: Einen Flug mit der Transall ab Penzing, einen Transfer mit Militärfahrzeugen, Unterbringung im Feldlager Prizren. Sicherlich spielte auch meine Neugierde als Reserveoffizier eine Rolle. Des Weiteren bin ich Mitglied des Agrarausschusses des Deutschen Bundestages und wollte sehen, wie die ländliche Entwicklung voranschreitet. Da ich außerdem als stellvertretender Bürgermeister auch Kommunalpolitiker bin, interessierte ich mich natürlich auch für die kommunalen Strukturen des Landes.

reservistenverband.de: Und welches Fazit ziehen Sie?

Erdel: Um es in Anlehnung an ein oft genanntes Zitat der ehemaligen Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, zu sagen: Nichts ist gut im Kosovo!

reservistenverband.de: Damit werden Sie Kritik ernten. Frau Käßmann wurde für diese Aussage zum Afghanistaneinsatz scharf angefeindet.

Erdel: Wenn es nach mehr als zwölf Jahren unseres Einsatzes in dem Land auf dem Balkan immer noch keine funktionierenden kommunalen Strukturen, immer noch keine ordentliche Wasser- und Energieversorgung und immer noch keine gute Straßeninfrastruktur gibt, und dann noch ein diffuser Streit zwischen den Kosovo-Albanern und Kosovo-Serben nicht enden will, dann kann ich nur zu diesem Ergebnis kommen.

reservistenverband.de: Serbien und das Kosovo träumen von einer EU-Mitgliedschaft. Was glauben Sie, wann die beiden Länder dafür reif sein werden?

Erdel: Derzeit sehe ich das so: Wenn wir mit den KFOR-Truppen da jetzt rausgehen würden, käme es wieder zum Aufflackern von bewaffneten Konflikten. Da leben viele Nationalisten, die dies bis auf die Knochen sind. Deshalb kann ich nicht sehen, wann in absehbarer Zeit ein Termin für eine EU-Mitgliedschaft kommen könnte, in der dann beide Staaten mit offenen Grenzen und freiem Waren- und Personenverkehr sowie freiem Niederlassungsrecht und freier Religionsausübung der Menschen aller Ethnien leben müssten.

reservistenverband.de: Das klingt nach einem längeren Engagement unserer Bundeswehr am Amselfeld?

Erdel: So sehe ich das. Wir werden noch zehn Jahre dort bleiben müssen, wenn wir verantwortungsvoll unterstützen und nicht die Augen vor den Problemen verschließen wollen. Doch über die Art unseres Engagements und den Umfang der Truppenstärke müssen wir reden. Nicht die Stärke ist aus meiner Sicht entscheidend, sondern die Aufgabe. Und da gibt es mehr, als die ethnischen Gruppen auseinanderzuhalten.

reservistenverband.de: Zurzeit sind 80 Reservisten bei den deutschen KFOR-Truppen. Haben Sie mit einigen sprechen können?

Erdel: Ein junger Oberleutnant der Panzeraufklärertruppe hat mich die ganze Zeit im Kosovo begleitet. Er ist Reservist. Das war zunächst überraschend für mich. Er hat seine Aufgabe professionell gemeistert – so gut, dass ich erst gar nicht auf die Idee kam, dass er Reservist sein könnte, denn im Einsatz ist das am Dienstgrad nicht zu erkennen. Bei ihm passten der Dienstgrad und die Verwendung zum Alter und zu seinem Background. Dieses Beispiel zeigt, dass die gut ausgebildeten Reservisten ihren Platz in der Bundeswehr haben. Die Bundeswehr muss natürlich dafür sorgen, dass die motivierten Reservisten auch ständig ohne Komplikationen aus- und fortgebildet werden können – nebenberuflich und am Wochenende oder nach Feierabend. Nur dann wird die Truppe auch in Zukunft mit solchen Reservisten wie diesem Oberleutnant in den Einsatz gehen können.

Das Interview führte Detlef Struckhof (Online-Redakteur des Reservistenverbandes).
Quelle: www.reservistenverband.de

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